Tipps für eine Reise in die Baltischen Staaten


Wenn man von den Baltischen Staaten spricht, denkt man an Litauen im Süden, mit seiner Hauptstadt Vilnius, an Lettand in der Mitte, mit seiner Hauptstadt Riga und an Estland im Norden, gerade südlich von Finnland, mit seiner Hauptstadt Tallinn.

Die baltischen Staaten zerfallen in zwei Gruppen

Man könnte meinen, die drei Staaten, da sie unter dem Obergriff Baltische Staaten genannt werden, hätten auch die gleiche Geschichte. Dabei besteht zwischen Litauen und den zwei anderen Staaten eine sehr unterschiedliche Vergangenheit. Litauen war einmal ein Grossherzogtum, dessen Gebiet von der Ostsee und der Grenze des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation bis zum Schwarzen Meer reichte. Es war Mitte des 14. Jahrhunderts bis Ende des 18. Jahrhunderts sogar mit Polen unter einem Herrscher vereint und damit eine der Grossmächte in Europa. Es umfasste die heutigen Gebiete Polen, das heutige Litauen, Teile von Lettland, Weissrussland, Teile des heutigen Russlands, Moldavien, Rumänien und Ukraine.

Lettland und Estland hingegen bestehen in ihrer heutigen Form erst seit dem Unabhängigkeitskrieg 1919 bis 1920. Davor, also vor dem 13.Jahrhundert bestanden in dem Gebiet dieser beiden Staaten zahlreiche Fürstentümer, deren Namen noch heute für verschiedene Landstriche auftauchen wie Livland (heute Vidzeme), Lettgallen (heute Latgale), Kurland (heute Kurzeme), Semgallen (heute Zemgale) usw. Ab 1237 eroberte dann der Deutschritterorden ein Fürstentum nach dem anderen unter dem Vorwand der Christianisierung der slawischen Völker. Das ging nicht ohne Gefechte, denn die lokalen einheimischen Fürsten verteidigten ihre Macht. Die Deutschritter waren überlegen und bauten in den eroberten Gebieten Burgen, deren Ruinen heute recht zahlreich sind und teilweise ab ca. 1900 restauriert wurden. In dem Gefolge der Deutschritter wanderten viele Deutsche ein. Eine wichtige Rolle spielte dabei auch die Hanse, die ebenfalls starken Einfluss auf die Entwicklung dieser Region hatte. Diese Deutschen kontrollierten sehr schnell die gesamte Administration, die Wirtschaft, den Handel und das Schulwesen und brachten deutsche Kultur in diese Länder. Es bildeten sich zwei Schichten, die deutsche Oberschicht und die einheimische Bevölkerung, die in die Abhängigkeit und sogar Leibeigenschaft geriet, einer Art Sklaverei. Den Spuren der deutschen Oberschicht begegnet man heute noch auf Schritt und Tritt.

Ungefähr Mitte des 14. Jahrhunderts wurde durch die Deutschen die Reformation in diese Länder gebracht. So kommt es, dass Estland und Lettland lutherisch reformiert sind, Litauen als eigenständiges Grossfürstentum jedoch katholisch geblieben ist.

Später zankten sich die Schweden, die Dänen und die Russen um dieses Gebiet, es gab kleinere und grosse Auseinandersetzungen wie den Nordischen Krieg, die zusammen mit einer Pestepidemie die Bevölkerung extrem dezimierte.

Es ist aus heutiger Sicht befremdlich, dass viele bedeutende Stellen im Militärwesen, in der Kultur und der Politik im Russischen Reich von Deutschen Balten besetzt waren. Viele Deutsche hatten Professuren in Pertersburg und in Dorbat (dem heutigen Tartu) inne. Die Zeiten waren eben anders, Peter der Grosse wollte das rückständige Russland durch Öffnung des Landes durch eine Modernisierungswelle nach vorne bringen und hatte durch freundschaftliche Beziehungen zu den baltischen Staaten Intelligenz ins Land geholt.

Das änderte sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die privilegierte Stellung der Deutschen im Baltikum in Frage gestellt wurde, und zwar von zwei Seiten:

  • auf der einen Seite durch ein sich stärkendes Nationalbewusstsein der Letten und Esten. Diese Tendenz wurde ausgerechnet von Deutschen geweckt, die die lettische und estnische Sprache erforschten, die Bibel in diese Sprachen übersetzten und druckten und dafür sorgten, dass in den Kirchen in diesen Sprachen gepredigt wurde. Die Letten und Esten forderten mit zunehmenderer Bildung die Gleichstellung mit den Deutschen.
  • auf der anderen Seite durch den aufkeimenden prorussischen Nationalismus, der unter Alexander II in steigendem Masse die Umwandlung der lockeren und freien Strukturen, die Peter der Grosse eingeleitet hatte, in einen russischen Nationalstaat anstrebte. Die gleichzeitig durch Bismarck betriebene nationale Einigung Deutschlands betrachteten die russischen Nationalisten mit Misstrauen, besonders in Bezug auf die nationale und politische Sonderstellung des Baltikums.

1881 übernahm Zar Alexander III die Regentschaft und verweigerte erstmals die baltischen Landesprivilegien. Eine gewaltige Russifizierungswelle setzte ein. 1887 wurden schliesslich die lokalen Sprachen inklusive Deutsch von den Russen, die inzwischen die Oberhand gewonnen hatten, verboten. Russisch wurde als Schul- und Amtssprache durchgesetzt. Es genügte das kleinste Aufmucken, um verhaftet zu werden. Es folgten massenhafte Verhaftungen und Deportationen nach Sibirien. Ausserdem wurden die Länder zunehmend in das Wirtschaftsgefüge Russlands eingebettet und als Ersatz für die Deportierten sowie den wachsenden Arbeitskräftebedarf Russen angesiedelt. Es hat mehr als 100 Jahre gedauert, (mit einer Zwischenetappe ab 1920 bis ca. 1943) bis sich die Balten endgültig von diesem Joch erholt haben. Es erklärt auch, warum Balten nach wie vor sehr ernst und vorsichtig in ihren Äusserungen gegenüber Fremden sind.

Die verschiedenen Sprachen

Die Unterscheidung in Litauen, Lettland und Estland erfolgte erst ab dem erwähnten Unabhängigkeitskrieg nach Sprachgenzen, denn in dem Gebiet der Fürstentümer wurden drei verschiedene Sprachen gesprochen: lettisch, estnisch und livisch. Das livische ist praktisch ausgestorben, es gibt nur noch wenige, die diese Sprache sprechen und einige Heimatvereine, die sie pflegen. Im wesentlichen haben wir es also mit litauisch, lettisch und mit estnisch zu tun. Wenn man glaubt, die Balten müssten sich doch gegenseitig verständigen können wie z.B. Deutsche und Holländer, dann ist das ein Trugschluss. Die Sprachen sind so unterschiedlich, dass sich die Balten normalerweise nur über eine Brückensprache verständigen. In der Vergangenheit war dies russisch, seit der Entlassung aus der Sowjetunion 1991 bevorzugt die jüngere Generation englisch. Generell jedoch ist englisch noch wenig verbreitet.

Durch die konsequente Russifizierungspolitik sind heute viele Russen in den baltischen Staaten ansässig (in Lettland etwas mehr als 40%, in Estland etwa 30%, Litauen weniger als 10%). Ein grosser Teil von ihnen fühlt sich als Verlierer, da heute die lokalen Sprachen Amtssprachen sind und nicht mehr russisch. Sie weigern sich aber, eine andere Sprache zu lernen. Daher schauen sie auch nur russisches Fernsehen und sind entsprechend indoktriniert. Sie sind überzeugt, dass das Russentum allen anderen Völkern überlegen ist und dass sich das friedliebende Russland permanent gegen die Aggressoren aus dem Westen wehren und auf der Hut sein muss. Die Balten sind sich bewusst, dass dies eine tickende Zeitbombe ist und sind daher froh, dass sie Teil der NATO und der EU sind. Wenn man auf der Strasse einem mürrisch dreinblickenden Menschen, der jeden Augenkontakt vermeidet, begegnet, dann ist es ziemlich sicher einer dieser Volksgruppe. Und wenn man sich dann traut, ihn auf englisch anzusprechen und es kommt ein barsches “Russki” zurück, ist er es tatsächlich.

Litauisch und Lettisch kommen aus der indogermanischen Sprachgruppe, während estnisch (und das ausgestorbenen livisch) eine finno-ugrische Sprache ist. Die Esten und die Finnen verstehen sich gegenseitig. Auffällig sind in allen Sprachen die vielen Sonderzeichen und die vielen Kasi. Die Litauer benutzen 7, die Esten sogar 14. Das ist für uns oft verwirrend, wenn z.B. bei Klaipeda in bestimmten Fällen das “a” am Ende weggelassen wird. Verwirrend ist weiterhin, und das passiert sehr oft, wenn in verschiedenen Publikationen für Städte oder Regionen einmal der alte deutsche und dann wieder der aktuelle Name verwendet wird. (Z.B. Klaipeda = Memel, Kurland = Kurzeme, Reval = Tallinn usw.)

Die Einwohner und die Landschaft

Unendliche Wälder

Unendliche Wälder

Die baltischen Staaten sind recht dünn besiedelt. Auf dem Weg durch unendlich scheinende Wälder sieht man ab und zu Gehöfte oder auch mal eine grössere Häuseransammlung, ohne dass man dies als Dorf bezeichnen könnte. Hier ein paar Zahlen zur Veranschaulichung:

Litauen: ca. 65’300 km2 ca. 1’900’000 Einwohner

Lettland: ca. 64’600 km2 ca. 1.960’000 Einwohner

Estland: ca. 45’500 km2 ca. 1’400’000 Einwohner

das macht etwa 30 bis 40 Einwohner pro km2.

Zum Vergleich: die Schweiz mit einer ähnlichen Fläche von ca. 42’000 km2 hat 8,5 Mio Einwohner. Dabei besteht ein grosser Teil aus unbewohnbaren Bergen, während die baltischen Staaten kaum Erhebungen haben.

Die landwirtschaftliche Nutzung ist an der westlichen Ostseeküste und im Süden Rigas, der Kornkammer der baltischen Staaten, am intensivsten. Vor allem in Lettland und Estland breitet sich Wald auf nahezu 50% der Fläche aus. In Lettland sind es vor allem Fichten, nach Estland hoch häufen sich Birken, teilweise zu ganzen Birkenwäldern.

Die Balten sind sehr umwelt- und naturbewusst. Wo kein Wald und keine Landwirtschaftszone ist, also in Wohnzonen, die sich oft weitläufig in lockerem Baumbestand befinden, ist der Rasen immer tipp topp gemäht, auch wenn die Flächen zwischen den Häusern manchmal grösser sind als ein Fussballplatz. Auch fällt die Sauberkeit auf. Dass man keine Plastikflaschen oder Plastiktüten sieht ist hier selbstverständlich, aber man sieht auch nicht mal das kleinste Papierschnitzelchen. In bewohnten Gegenden hat man den Eindruck, man befinde sich in einem gepflegten Park. Ich habe auf einem Picknickplatz ein etwa 4-jähriges Kind beobachtet, das wie selbstverständlich und unaufgefordert sein Butterbrotpapier in den nächsten Abfallkübel brachte.

Parklandschaft Leisi

Parklandschaft Leisi

Allerdings muss man auch zufügen, dass die Behörden ihren Teil dazu beitragen. Beim frei campen, das dort völlig problemlos möglich ist, habe ich an den unglaublichsten Stellen Abfalleimer und Dixiklos gefunden. Die werden auch regelmässig geleert. Manchmal findet man dort auch eine Wasserstelle. Frei stehen mit dem WOMO oder auch nur frei zelten hat bei uns inzwischen einen unangenehmen Beigeschmack. Ganz im Gegenteil zu den baltischen Staaten, in denen die Leute ganz selbstverständlich mit dem Auto auf eine Waldlichtung fahren, ihr Zelt aufstellen, ein oder zwei Tage bleiben und dann weiterziehen. Auch hier verhalten sie sich vorbildlich. Sobald sie weg sind, bleibt nichts, auch nicht das Geringste liegen, alles ist verräumt oder mitgenommen, ausser der Feuerstelle. Die bleibt für die Nächsten.

Die Strassen

Baustelle

Baustelle

Die Balten geniessen erst seit 25 Jahren ihre Freiheit von den Sowjets, die nichts übrig haben für die Pflege der Natur und auch sonst Raubbau betreiben. So fällt auf, dass jetzt sehr viel Strassenbau betrieben wird. Die Qualität der Strassen ist dementsprechend sehr unterschiedlich. Von perfekten, neu gebauten Strassen, teilweise wie mit dem Lineal durch neu geschlagene Waldschneissen gezogen bis zu Naturstrassen trifft man alles an. Es kommt auch vor, dass eine neue Strasse unvermittelt in eine holprige Strasse aus früheren Zeiten mündet oder dass man an eine Ampel kommt, an der man bis zu 15 Minuten Gegenverkehr abwartet, bevor man dann auf die eine Spur, die oft noch Natur ist, gelassen wird. Die andere Spur wird gerade gebaut. Die Balten sind offenbar die Naturstrassen gewohnt. Während ich mit 30 – 40 kmh versuche, meine Stossdämpfer und meinen Aufbau, der ächzt und stöhnt, zu schonen, brettern sie mit 70 – 80 kmh darüber. Schlaglöcher gehen ja noch, manchmal sind es sogar so wenige, dass man sie umfahren kann, meist kriegt man jedoch voll ab. Wenn sich aber Waschbrettrillen gebildet haben, wird es besonders unangenehm. Wenn es trocken ist, wird man jedesmal in eine Staubwolke gehüllt, wenn jemand entgegenkommt, wenn es geregnet hat, kriegt es der Unterboden und die Seitenwände ab. Man sollte sich aber nicht von dieser Schilderung abschrecken lassen, die Mehrzahl der Strassen ist in gutem Zustand und die Naturstrassen trifft man hauptsächlich an, wenn man sich etwas abseits der normalen Pfade begibt.

Einkaufen und Markt

LIDL und ALDI fehlen oder sind kurz vor dem Einzug. Ich habe nur je einen LIDL in Klaipeda und in Kaunas, also in Litauen gefunden. Es gibt zwei Einkaufszentren, die recht verbreitet sind, RIMI und MAXIMA, daneben noch Konsum. Die lokalen Märkte, die gut bestückt sind, spielen eine wichige Rolle. In grösseren Siedlungen gibt es eine gedeckte Markthalle, die aber oft zu klein ist, sodass sich noch viele Marktstände um sie herum ausbreiten.

Das Angebot ist an allen genannten Plätzen riesig. Auffallend sind die vielen Milchprodukte. Ich konnte aus dem Riesenangebot nur wenige Sorten kosten, leichter Frischkäse, trockener körniger Frischkäse, viele Sorten in Plastikbeuteln, die ich ob der Vielfalt nicht erschliessen konnte. Auf dem Markt werden Naturjoghurt und andere halbflüssige Milchprodukte aus der grossen Milchkanne mit Schöpflöffeln in die leichten Plastiksäcke gefüllt. Wehe, wenn man einen solch feinen Sack fallen lässt. Unsere Gesundheitsbehörden würden die Krise

Markt Liepaja

Markt Liepaja

bekommen. Das Käsesortiment ist eher übersichtlich und hauptsächlich auf lokale Marken beschränkt. Das Beeren- (Heidel- und Preiselbeeren) und Pilzangebot (Pfifferlinge) ist in der Saison überwältigend. Die werden nicht in KG verkauft, sondern in Liter. Beim Gemüse ist mir aufgefallen, dass z.B. die Radieschen und Karotten eine unglaubliche Grösse haben. Ist die Erde dort so fruchtbar? Eisbergsalat habe ich selten gesehen, ich habe Kohl verwendet, das geht erstaunlich gut, wenn man die Salatsosse mit Senf und Majonaise verstärkt, um den Kohlgeschmack zu überdecken. Auch das Obstangebot ist riesig, es fehlen weder Bananen, noch Aprikosen, Pflaumen, Orangen usw. Nur die Äpfel habe ich nach dem ersten Versuch gemieden. Es werden offenbar nur einheimische Sorten angeboten und das sind eher alte Sorten, die mir nicht schmeckten.

Die Preise sind vergleichbar mit unseren, im Zweifelsfalle etwas billiger. Ein Highlight ist die Frischtheke bei MAXIMA, dort werden gebratene Fleischwaren, z.B. gebratene, gut gewürzte Hähnchenschlegel warm angeboten zu sehr günstigem Preis. Fisch wird in grosser Auswahl angeboten, der gleiche Fisch geräuchert ist erheblich billiger als der frische Fisch. Erwähnenswert sind auch die grossen Kisten gefüllt mit unterschiedlichstem Gebäck und Zuckerwaren resp. Bonbons, aus denen man sich mit einer kleinen Schaufel in Plastiksäcke bedient.

Knoblauchbrot

Knoblauchbrot

Eine Spezialität sind Streifen aus schwarzem Brot, das mit Knoblauchöl getränkt ist. Eine Delikatesse für den, der vor Knoblauch nicht zurückschreckt.

Brot kauft man im Supermarkt. Mehrheitlich ist das Brot dunkel bis schwarz. Wenn man in einem Bäckerladen, der oft mit einer Brezel gekennzeichet ist, nach Brot fragt, riskiert man, verständnislos angeschaut zu werden. Denn eine Bäckerei ist eher eine Konditorei, in der auch Kaffee und sogar Dinge wie Fleischsalat für den kleinen Appetit angeboten wird.

Diesel kostet Stand August 2016 in Litauen und Lettland zwischen €0.91 und €0.99 und in Estland zwischen €1.04 und 1.10.

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