Windmühlen, der schiefste Turm der Welt und Seehunde


Vorgestern habe ich mich von Tille verabschiedet, die mich zwei Wochen lang bemuttert und meine Wäsche gewaschen hat. Mein Nachstar ist erfolgreich weggelasert und meine Sehkraft ist wieder etwas mehr als 100%. Also Aufbruch an das Lahnpaddelwochenende der Solisten vom 10. und 11.9.2016 durch das Windmühlen Land.

Windmühlen

Stiftsmühle Aurich

Stiftsmühle Aurich

Nicht nur in Holland stehen Windmühlen, auch in Ostfriesland sieht man sie häufig. Ein besonders imposantes Exemplar fällt mir bei der Durchfahrt durch Aurich auf. Sie wirbt für sich, sie sei als Windmühlen Museum eingerichtet. Nachdem ich schon an so vielen Windmühlen vorbeigefahren bin, entschliesse ich mich kurzerhand, hier einen Blick reinzuwerfen.

Schnitt Stiftsmühle Aurich

Schnitt Stiftsmühle Aurich

Die Windmühle ist ein Backsteinbau, darin eingezogen fünf Holzböden, auf denen gearbeitet wurde. In jedem Boden befindet sich eine Fallklappe, damit das Getreide hochgezogen werden konnte. Von Boden zu Boden stehen Maschinen in der Reihenfolge, in der das Getreide zu verschiedenen Mehlarten oder Graupel verarbeitet wurde bis ganz unten. Dort stehen die Einsackmaschinen. Von Boden zu Boden führen recht steile Holztreppen, die auf den fünften Boden ist die steilste. Das Erdgeschoss ist eine grosse Durchfahrt, in die die Pferdefuhrwerke einfuhen, um ent- und beladen zu werden.

Das Museum ist reich ausgestattet. Imponiert haben mir ein Zahnrad aus Holz, bei dem man die Zähne einzeln auswechseln konnte, sobald sie abgeschliffen waren.

Stiftsmühle Aurich, Zahnrad

Stiftsmühle Aurich, Zahnrad

Sie ist aber auch reich ausgestattet mit Erklärungen, auch mit Zeitdokumenten.

Wandel der Essgewohnheiten

Wandel der Essgewohnheiten

Es werden diverse Mühlentypen erklärt, nicht nur, dass es Kopf- (bei denen die Mühle feststand, nur der “Kopf”, an dem die Flügel angebracht waren wurden in den Wind gedreht), und Bockmühlen gibt (da wird die gesamte Mühle gedreht, sie stand auf einem Bock oder besser einem Ständer). Nein, Mühlen wurden auch zum Entwässern eingesetzt, dann hiessen sie Kokermühle oder, falls sie transportabel waren, Fluttermühle. Die arbeiteten praktisch alle mit einer archimedischen Schraube. Es wurden aber auch Mühlenmodelle gezeigt, die Speiseöl herstellten und solche, die als Sägewerk arbeiteten.

Fluttermühle

Fluttermühle

Wenn ich mir das so ansehe, dann frage ich mich, warum diese Mühlen verschwinden. Hier findet eine direkte Umwandlung von Windenergie in Arbeitskraft statt. Heute hingegen wandeln wir Windenergie in Strom um, leiten den Strom zu Elektormotoren und dann erst in Arbeitskraft. Das kompliziertere und teurere Verfahren bietet halt mehr Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit.

Zeitdokumente

Sehr interessant fand ich die Zeitdokumente, teils sogar Originale 100 und 200 Jahre zurück. Sie sind so plastisch, dass die handelnden Personen greifbar nahe rücken. Zum Beispiel hat der Müller dieser Mühle ein Konzessionsgesuch zum Bau seiner Mühle eingereicht. Die Beamten arbeiteten damals offenbar auch nicht schneller als heute, er musste mehrmals mahnen. Dann kamen Einsprachen, interessanterweise von zwei Konkurrenten aus Nachbargemeinden. Er bekam schliesslich trotz der Einsprachen die Genehmigung, aber mit Auflagen: weit ausserhalb der Stadt, auf einem Gelände, das frei liegt und auf dem er keine Bäume pflanzen darf.

Die Dokumente sind in einer blumigen Sprache verfasst, mit Worten wie “der Allergnädigste”, “wir, Fürst von Gottes Gnaden” usw. Man muss drei oder vier Zeilen mit solchen

Die Kartoffel taucht auf

Die Kartoffel taucht auf

Formulierungen lesen bis man zum Punkt kommt. Und wieviel Zeit hat es gekostet, ein solches Dokument zu erstellen. Vergleiche das mit der heutigen Zeit, in der möglichst viele Abkürzungen verwendet werden, um Zeit zu sparen.

Ein anderes Dokument schildert den Umbruch, den die Einführung der Kartoffel brachte. Ein Vergleich der Produktion von 1780 mit 1805 zeigt, dass die Produktion von Getreide trotz wachsender Bevölkerung vergleichbar geblieben ist, aber Kartoffeln war 1780 = Null und 1805 in etwa gleich wie Roggen.

Der schiefste Turm der Welt, gemäss Guinness Buch der Rekorde

Von Guinness bestätigt

Von Guinness bestätigt

steht in Suurhusen, fast einem Vorort von Emden. Es scheint tatsächlich der schiefste Turm zu sein, denn der Neigungswinkel des Turms von Pisa ist 4°, der Kirchturm von Bad Frankenhausen ist 4,9° und der von Suurhusen 5,2°. Er ist einfach weniger spektakulär, weil er viel niedriger ist, als die Konkurrenten.

Die Kirche wurde um 1250 auf einer Warf gebaut. Da der Boden nicht tragfähig ist, wurden statt Fundamente mehrere Lagen Baumstämme eingebracht. Auf dieser Grundlage stand die Kirche und der Turm in perfekter Senkrechte bis zum vorigen Jahrhundert. Dann deichte man das Land ein und das Wasser wurde bei Ebbe über Siehle ablaufen gelassen. Der Grundwasserspiegel senkte sich und das Holz begann, sich zu verändern resp. zu komprimieren. Der Turm neigte sich immer mehr, bis er nicht mehr betreten werden durfte wegen Einsturzgefahr.

Die Rettung des Turms

Schiefster Turm der Welt

Schiefster Turm der Welt

Eine Gruppe von Rentnern (sie nennt sich Rentnerband) tat sich zusammen, um den Turm zu retten und zu restauieren. Es wurden Gruben durch den nicht tragfähigen Boden, teilweise Moogrund so tief gegraben, bis man auf festen Grund stiess. Dann wurden die Gruben mit Beton gefüllt. Er hat sich seither noch ganz oben gemessen 2 cm weiter gesenkt und dann stabilisiert. Und jetzt hat das unbekannte Örtchen Suurhusen eine Attraktion, die in steigendem Masse von Touristen besucht wird.

Die Seehundstation Norddeich

Norden Fussgängerzone

Norden Fussgängerzone

Weiter nach Norden, ein Ort, der gleich zwei Museen hat, die sich mit dem ostfriesischen Tee befassen (für die Nichteingeweihten, die Ostfriesen drinken pro Kopf mehr Tee als die Engländer und nicht nur die Japaner haben eine Teezeremonie, die Ostfriesen haben auch eine, Stichwort “Wölkchen”). Es ist regenerisch und ein kurzer Spaziergang über die glänzenden Pflaster die Fussgängerzone hinunter. Bei dem Wetter bleiben die Leute zuhause.

Norddeich ist sicher noch den Älteren bekannt, denn über Norddeichradio konnten die Matrosen auf den Schiffen rund um die Welt mit ihren Familien in Kontakt bleiben. Norddeichradio sandte Grüsse und Wünsche von Zuhause und zurück von den Schiffen. Das Handy hat die Arbeit der Leute von Norddeich nachhaltig verändert.

In Norddeich gibt es jedoch auch eine Station, die erfolgreich für die Seehunde arbeitet. Erfolgreich, weil die Seehundpopulation 1960 bis 1980 kontinuierlich zurückging. Ab der Aufnahme ihrer Arbeit 1980 stieg sie wieder, mit zwei Unterbrechungen, der Staupe 1988 und der Staupe 2002. Von dem tiefsten Stand von 1960 mit 1000 Tieren ist der Bestand nun wieder auf ca. 8’000 gestiegen.

Die gefährdete Population stabilisiert sich

Norddeich Seehundbabies

Norddeich Seehundbabies

Es war ein Jäger aus Niedersachsen, der die Alarmglocke läutete und die Seehundstation aufbaute. Hier werden Heuler, die ihre Mutter verloren haben, aufgezogen und wieder in die Freiheit entlassen, sobald sie gelernt haben, sich selbst zu ernähren. Auf vielen Schautafeln wird dem Publikum das Leben der Seehunde erklärt. So ist z.B. nicht jeder Heuler (ein Seehundbaby, das heulend nach seiner Mama ruft) nicht verlassen, es kann einfach sein, dass es aus Langeweile heult oder dass es das Gefühl hat, die Mama sei jetzt wirklich lange genug weg gewesen um zu jagen. Es hat einfach nur Hunger. Und die Mama spendet ihm eine Milch, die so fett ist, dass das Baby jeden Tag sage und schreibe ein halbes Kilogramm zunimmt.

Der Aufklärungsauftrag

Man soll also keinesfalls einen Heuler aufnehmen, sondern die Station benachrichtigen. Ein Heuler, der von einem Menschen angefasst wurde, wird von der Mama vom Geruch her nicht mehr als eigenes Kind erkannt. Aber es kommt tatsächlich vor, dass ein Muttertier nicht mehr zurückkommt oder ihr Kind nicht mehr erkennt. Die Seehundstation ist in der Lage, die verschiedenen Situtationen zu erkennen und greift, wenn nötig, ein.

Man soll auch die Sandbänke meiden, auf denen die Seehunde sich sonnen. Die Flucht ist enorm anstrengend, weil weder die Füsse, die jetzt eine Art Flossen sind, noch die Arme, die zu Steuerrudern umfunktioniert wurden, geeignet sind, den Körper anzuheben. So müssen die Seehunde auf dem Bauch robben. Es wurde ein ausgestopftes Seehundbaby gezeigt, dessen Wunde des noch nicht verheilten Bauchnabels so aufgerissen war, dass es daran gestorben ist. Die Aufklärung des Publikums über das Leben der Seehunde hat viel beigetragen, dass diese sympathischen Tiere sich wieder vermehren.

Die Seehundbabies brauchen viel Schlaf, drum wird überall gebeten, man solle nicht an die Scheiben klopfen.

Bemerkenswertes

Die Seehunde leben in sehr trübem Wasser. Drum hat bei ihnen die Natur den gleichen Trick angewandt wie bei den Katzen: wenn das Licht die Netzhaut passiert hat, wird es von einem dahinterliegenden “Spiegel” nochmal zurückgeschickt. So passiert das Licht die Netzhaut ein zweites Mal. Er sieht also doppelt so gut. Wenigstens doppelt so gut wie wir, die keinen “Spiegel” haben. Dass die Signale, obwohl sie versetzt ankommen, richtig gesehen werden, dafür ist der interne Grosscomputer, das Gehirn zuständig.

Aber das alleine reicht nicht, um erfolgreich in trüben Gewässern zu jagen. Ein Seehund hat zusätzlich etwa 100 um die Schnauze und die Augen angesiedelte, höchst empfindliche Barthaare. Jedes dieser Barthaare, die Vibrissen, sind an ihrer Wurzel mit 1000 bis 1500 Nervenenden verbunden und damit um ein Vielfaches empfindlicher als die der Katzen. Ein Biologe aus Rostock hat promoviert mit folgendem Experiment: ein kleines U-Boot mit einem dicken Fisch bestückt wird losgeschickt. Ein dressierter Seehund wird solange zurückgehalten, dass mit Garantie kein Sichtkontakt mehr möglich ist. Dann wird er losgelassen und er findet seine Belohnung am U-Boot nur dank der Verwirbelung des Wassers, das das U-Boot hinterlassen hat. Das Experiment konnte beliebig oft erfolgreich wiederholt werden.

Norddeich Seehundmenu

Norddeich Seehundmenu

Wie akribisch bei der Rettung der Seehundbabies vorgegangen wird, zeigt die Tafel im Arbeitsraum, in dem die Mahlzeiten bereitet werden. Jedes Seehundbaby ist mit Namen aufgeführt und bekommt seine für es abgestimmte Mahlzeiten.

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