Die Tragödie der Albigenser


Für uns aus dem 20. oder 21. Jahrhundert ist es sehr schwer, die Tragödie der Albigenser, oft auch Katharer genannt, zu verstehen, denn sie fand einerseits im Kontext von feudalen Strukturen und andrerseits in einer Periode päpstlicher Macht statt, die uns beide heute völlig fremd sind.

Feudale Strukturen

In der Zeit der Albigenser waren die Bauern Leibeigene, persönlicher Besitz des Seigneurs. Sie hatten ihm zu dienen und Frondienste zu leisten. Sich ohne Erlaubnis von den Ländereien entfernen war ausgeschlossen.

Das Papsttum und die weltliche Macht

Das Papsttum strebte schon immer nach weltlicher Macht. In der Zeit von Innozenz III, der schliesslich den Kampf gegen die Albigenser ausrief, war die politische Situation für das Papsttum besonders günstig. Denn im Jahre 1197 starb der deutsche Kaiser Heinrich VI und hinterliess einen ein Jahr früher geborenen Sohn Friedrich.

Ein einjähriges Kind kann nicht die Nachfolge antreten, war die Meinung von zwei Bewerbern um die Kaiserkrone. Philipp von Schwaben und Otto von Brunswick wandten sich beide um Unterstützung ihrer Ansprüche an den Papst und stärkten damit seine Stellung in weltlichen Fragen. Der aber ergriff die Gelegenheit und krönte Friedrich, machte sich so also zu seinem Beschützer. Das Friedrich sich später als Friedrich II als aufgeklärter und toleranter Wissenschaftler, der Koriphäen, egal ob Christ, Jude oder Muslim an seinem Hof versammelte und sich schliesslich gegen die Intoleranz und Machtansprüche des Papsttums wandte, spürten erst die Nachfolger von Innozenz III.

Nur wenige Jahre später entstand ebenfalls ein Streit in England über die Person des Erzbischhofs von Canterbury. Der Papst griff auch hier ein und erreichte mit Hilfe des französischen Königs, dass Johann Ohneland sich dem Papst unterwarf.

Einige andere Vorkommnisse gleicher Art führten dazu, dass das Recht des Papstes, unliebsame Fürsten oder sogar Könige durch Leute zu ersetzen, die ihm ergeben waren, mehr oder weniger akzeptiert wurde.

Der Glaube der Albigenser

Was war nun der Glaube der Albigenser, wie die Katharer auch genannt werden. Die christliche Doktrin geht von einem einzigen allmächtigen Gott aus, der gut ist. Aber aus dieser Doktrin entstehen zwei grundsätzliche Fragen:

– wenn Gott allmächtig ist, hat der Mensch dann überhaupt die Möglichkeit selbst zu entscheiden oder ist alles vorbestimmt? Wenn aber nicht alles vorbestimmt ist und der Mensch handeln kann, ist dann die Allmacht Gottes nicht beschränkt?

– das Gute und das Böse existiert im alltäglichen Leben. Wie kommt es, dass der gute und allmächtige Gott das Böse toleriert? Auch dies deutet darauf hin, dass er nicht so allmächtig ist.

Für die Albigenser gab es nur eine Antwort: es gibt zwei Götter: ein guter und ein böser. Der Kampf zwischen Gott und Luzifer hat so zu zwei Göttern geführt. Die Seele ist das Werk des guten Gottes. Sie ist eingeschlossen in einen Körper, das Werk des bösen Gottes. Die These, dass durch Jesus das Böse aus der Welt geschafft wurde, wird durch die Albigenser abgelehnt. Auch das Kreuz wird abgelehnt, denn das Erscheinen Christus sei nur Augenwischerei: der Körper am Kreuz war ja das Werk des bösen Gottes. Der katholische Glaube versucht, die Furcht vor der Hölle auszunutzen. Für die Albigenser hingegen gibt es keine Hölle, denn einmal die Seele durch den Tod vom Körper getrennt gibt es keinen anderen Weg für sie als in den Himmel.

Entstehen einer reinen Hochkultur

Dieser Glaube führte im täglichen Leben zu Regeln und Lebensweisheiten, die sich der Pflege der Seele zuwandten und die Begierden des Körpers zügelten. Es entwickelte sich eine Hochkultur und Ethik im Umgang mit den Mitmenschen, die sich fast über 200 Jahre fortentwickelte und immer weiter verbreitete. Auch die Stellung der Frau unterschied sich von der im Katholizismus. Frauen wurden nicht von der Religionsausübung ausgeschlossen, im Gegenteil, sie waren völlig gleichberechtigt und konnten Prediger sein. Sie wurden verehrt und hoch geachtet als die Mütter von uns allen. Die von den Minnesängern propagierte Ethik und Ehrfurcht vor der Frau schöpfen aus dieser Kultur. Vor allem aufgeklärte und gebildete Menschen, auch der Graf von Toulouse, unterstützten diesen Glauben, der sich so sehr von der verknöcherten Doktrin des Katholizismus unterschied. Dadurch wurde sie jedoch für das Papsttum immer sichtbarer und schliesslich als Bedrohung der eigenen Macht empfunden.

Wann die ersten Anzeichen des neuen Glaubens im Roussillon auftauchten, ist umstritten. Man glaubt in alten Schriften eine Spur zu finden, dass 1022 auf einem Scheiterhaufen 10 Mönche hingerichtet wurden, die Ideen, die denjenigen der Albigenser glichen, verbreiteten. 1163 wird auf dem Konzil von Tours festgehalten, dass sich im Languedoc eine verdammungswürdige Häresie ausbreitet, gegen die die lokalen katholischen Würdenträger nichts unternehmen. Der Konflikt schwelt untergründig weiter, währenddessen gewinnen die Albigenser ständig weiter Terrain, bis ein Ereignis eintritt, das zum offenen Kampf führt.

Ein Mord dient der Rechtfertigung für die Ausrottung der “Ketzer”

1208 wird der persönliche Legat des Papstes in Sachen Überwachung der Häresie im Languedoc, der Abt der Abtei Fontfroide, Pierre de Castelnau, in Saint-Gilles nahe Arles in der Camargue ermordet. Man weiss nicht, wer der Mörder ist, aber der zweite Legat des Papstes, Arnaud-Amaury, nutzt die Gelegenheit und schiebt die Tat dem Grafen von Toulouse, der Anhänger der Albigenser ist, in die Schuhe.

Der Papst seinerseits zweifelt an der Treue seiner Glaubensgenossen im Languedoc, er vermutet eine heimliche Komplizenschaft der ländlichen Kleriker in dieser Gegend mit den Albigensern, ein Grund, warum sich die Häresie immer weiter ausbreite. Der Papst macht einen klugen Schachzug: er ruft einen Kreuzzug gegen die Albigenser aus. Bisher waren die Kreuzzüge auf die Rückeroberung des heiligen Landes ausgerichtet. Dies nun war ein Kreuzzug ganz anderer Art, aber er mobilisierte Kräfte ausserhalb des „verseuchten“ Gebietes.

Kreuzzüge der anderen Art gegen die Albigenser

Es fanden in der Folge zwei Kreuzzüge gegen die Albigenser statt, der erste von 1209 bis 1213.

In der feudalen Struktur waren die Seigneurs mit ihren Vasallen verpflichtet, 40 Tage Dienst zu leisten, vorzugsweise im Sommer, dann mussten sie von anderen Kräften abgelöst werden. Diese Leute wurden nicht bezahlt, ernährten sich also von der lokalen Bevölkerung, indem sie plünderten. Es ist verständlich, dass man die Besatzer so schnell wie möglich wieder loswerden wollte und sich deshalb unterwarf. In Beziers spielt sich ein besonders grauenhaftes Ereignis ab: der katholische Bischof weigert sich aus ethischen Gründen, eine Liste der Albigenser der Stadt abzugeben, weil er die Schlächterei in anderen Städten mitbekommen hat. Die Stadt wird gestürmt und fällt und alle Einwohner inklusive Bischof, 20‘000 an der Zahl, werden hingemetzelt mit dem Segen des Abts von Cîteaux, der den grauenhaften Spruch den Eroberern zuruft: „Tötet sie alle, Gott wird die Seinen erkennen.“

Der Kreuzzug wird beendet, hinterlässt ungeheure Verwüstungen, Tausende von Albigensern enden auf dem Scheiterhaufen, aber er zeitigt nicht den gewünschten Erfolg. Die Albigenser verbreiten sich weiter. Es folgt ein zweiter Kreuzzug um 1224 mit noch mehr Grausamkeiten, das Blatt der Albigenser wendet sich, eine Stadt und eine Burg nach der anderen wird eingenommen, die Albigenser von der Inquisition verurteilt und hingerichtet, vorzugsweise durch Verbrennen und 1244 schliesslich werden die letzten Albigenser, die sich in der Burg Montségur verschanzt hatten, verbrannt.

Ein Adliger aus dem Norden tut sich da besonders hervor: Simon de Montfort, ein französischer Graf und gleichzeitig 6. Earl of Leicester, diesen Titel hat er geerbt. Er leistet wesentlich mehr als er eigentlich nach den feudalen Regeln leisten müsste und sticht hervor durch extreme Grausamkeit. Er bereicherte sich an den Vermögen der hingerichteten Albigenser und war zum Schluss Vicecomte von Albi, Graf von Bézier und Carcassonne sowie Graf von Toulouse.

Trotzdem habe ich den Eindruck, dass es auch heute noch Albigenser gibt. In Cordes nur Ciel habe ich mit einer Buchhändlerin gesprochen, die sich als Albigenserin outete und mir versicherte, dass es viele hier in der Gegend gäbe, die diesem Glauben und vor allem seiner Ethik anhängen und die alten Gebete sprechen.

Unzuverlässige Quellen

All diese Ereignisse sind aus schwachen Quellen bekannt. Schwach deshalb, weil der Hauptharst der Dokumente Protokolle der Inquisition sind, die naturgemäss den Albigensern feindlich gegenüberstanden. Vor allem weiss man über die wirklichen Grundsätze des Glaubens nur, was die Inquisition festgehalten hat. Es ist also angebracht, diese Schilderung nicht als die absolute Wahrheit anzusehen. Trotzdem ist ein Blick in diese vergangene Welt und auf die Art, wie die verschiedenen Akteure gehandelt haben, höchst interessant.

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