Strassburg, eine faszinierende Stadt


Übernachten In Strassburg

2016-10-27 Die Fahrt bis Colmar war weiter mühsam, bis ich auf die Elsassautobahn kam, dann ging es besser voran. Angesichts der fortgeschrittenen Zeit verzichte ich auf Colmar und fahre direkt weiter nach Strassburg. Ich übe die übliche Strategie, ich suche mir im Navi eine grüne Fläche möglichst nahe der Stadtmitte. Kein Glück, alles mit Parkautomaten zugepflastert. Also wieder etwas weiter raus und welch Zufall, direkt vor dem ARTE-Haus ein freier Platz, unbeschränkt.

Übernachten vor dem Arte Gebäude

Übernachten vor dem Arte Gebäude

Gemäss Navi nur ca. 3 km zum Münster. Perfekt. Es ist schon Abend, ich verbringe eine ruhige Nacht zwischen ARTE-Haus und der recht flott fliessenden Ill.

Am Morgen darauf marschiere ich gegen 09.00 Uhr los und bin in ca. 30 Minuten an der Place de la République, praktisch dem Eingangstor in die Altstadt.

Europanummernschild

Europanummernschild

Strassburger Strassenbahn

Strassburger Strassenbahn

Auf dem Weg dahin, vorbei an der Deutschen Botschaft, ist es das erstemal, dass ich ein Europa-Nummernschilde sehe.

Strassburg hat tolle Trams, die sehr ruhig in den Schienen laufen, aber doch nicht so leise wie in Clermont-Ferrand. Und man kann die Leute hier ruhig deutsch ansprechen, ich habe nur eine Person getroffen, die nichts verstanden hat. Aber der sah aus wie aus dem Maghreb, dann ist es entschuldbar.

Die Ill in Strassburg

Die Ill in Strassburg

Strassburg ist zusammen mit Kehl auf der deutschen Seite der zweitgrösste Rheinhafen nach Duisburg. Es liegt praktisch auf einer Insel, denn es wird von der Ill umströmt, die sich oben in einen Kanal spaltet, der sich am anderen Stadtende wieder mit dem Ill vereint. Man könnte also immer dem Ufer entlang laufen und käme am Ausgangspunkt wieder an.

Ursprünglich eine Kelten-, dann eine Römersiedlung entwickelte es sich nach Streitigkeiten unter den Enkeln Karls des Grossen zeitweise zur reichsten und glänzendsten Stadt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Viele bedeutende Männer wurden angezogen und wirkten dort. An der Universität studierten Goethe und Herder und der aus Mainz stammende Gutenberg entwickelte hier seine Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern.

Gutenbergplatz Strassburg

Gutenbergplatz Strassburg

Warum hier so viele Leute Deutsch sprechen, obwohl ich doch in Frankreich bin? Weil das Elsass ursprünglich alemannisch war. Der dreissigjährigen Krieg wurde mit dem westfälischen Frieden beendet, in dem Frankreich 1648 das Elsass und den Sundgau forderte und erhielt, gegen Zahlung von 1,2 Millionen Thaler an den Tiroler Zweig des Hauses Habsburg. Dieses Geld kommt nicht den rechtsrheinischen Gebiete zugute, sondern wird für den aufwändigen Lebensstil des Tiroler Habsburgers verbraucht. Ausgenommen waren die Städte Strassburg und Mühlhausen, die weiterhin dem Kaiser unterstehen sollten. Ludwig XIV, der auch sonst nicht zimperlich war mit der Annektion von Gebieten

  • im Norden im Bereich von Brabant und der Republik der Vereinigten Niederlande. Die Engländer, Schweden und die Holländer bremsen ihn, gestehen ihm aber im Frieden von Aachen zwölf Festungen in Flandern und im Hennegau zu, so Lille, Charleroi und Tournai, während er die auch annektierte Franche Compté den Spaniern zurückgeben muss.

  • Im Süden gewaltsam das Roussillon des Königreichs Aragon, im Pyrenäenfrieden wurde auch diese Annektion festgeschrieben.

  • und im Osten scherte er sich auch nicht um die Ausnahmen Mühlheim und Strassburg und liess seine Truppen einmarschieren.

Die Annektion des Elsass gestaltete sich aber nicht so einfach. Die Reichstädte im Elsass wollten sich der französischen Oberhohheit nicht fügen und rebellierten. Ludwig XIV reagierte extrem. An Colmar und Schlettstadt (heute Selestat) wurde ein Exempel statuiert: beide Städte wurden dem Erdboden gleichgemacht als Warnung an die anderen elsässischen Städte.

Und weil es grad so gut passte, marschierte er ein paar Jahre später über den Rhein und annektierte den ganzen Breisgau mit Freiburg. Deutschland im heutigen Sinne gab es damals noch nicht. Deutschland bestand aus einem Flickenteppich aus Königreichen, Herzogtümern und Grafschaften, die sich gegenseitig bekämpften oder wenigstens eifersüchtig ihre Grenzen wahrten. Was da im Breisgau passierte, kümmerte z.B. die Badener nur halbherzig. Der Kaiser, der über allem stehen sollte, sass weit weg in Wien, leckte seine Wunden und war nur um seine eigenen Erbgebiete besorgt. Was da weit im Westen geschah, naja, es gab schon Schlimmeres. Wir schimpfen heute über Putin. Dabei macht er nichts anderes als viele andere vor ihm auch schon: zugreifen, wenn der Gegner schwach ist. Für diese Leute gilt eine andere Ebene des Rechts.

Ludwig XIV schickte sofort seinen Festungsbaumeister, der aus Freiburg eine Festung nach französischem Vorbild baute. Er hiess Vauban und man begegnet ihm in Frankreich auf Schritt und Tritt, fast wie Jean Jaures. Ich kenne keine Festung in Frankreich, die nicht die Handschrift Vaubans trägt. Er hat das Hegemoniebestreben des Sonnenkönigs heftig unterstützt, indem er eroberte oder annektierte Gebiete sofort befestigte. Es ist dieser Sonnenkönig, der die Kurpfalz, die damals bis nach Boppard reichte, verwüsten liess. Mannheim wurde dem Boden gleichgemacht, die wenig Übriggebliebenen hausten in Kellern, viele Festungen und Schlösser wurden gesprengt, darunter auch das schöne kurpfälzische Schloss in Heidelberg. Mannheim wurde später wieder aufgebaut. Weil nichts mehr da war, nutzte man die Gelgenheit, es später, viel später, in einem klaren Schachbrettmuster auferstehen zu lassen.

Für solche Annektionen oder Zerstörungen musste ja immer ein Grund gefunden werden. Im Falle der Kurpfalz war der Vorwand, der Kurfürst hätte die vereinbarte Mitgift für seine Tochter Lieselotte, die den (schwulen) Bruder Ludwigs XIV heiraten musste, nicht voll bezahlt. Wie sehr Lieselotte von der Pfalz unter den Taten ihres Schwagers und den vielen Günstlingen ihres Mannes, der mit ihnen ihre ganze Mitgift verschwendete, litt, ist eindrücklich in ihren vielen noch vorhandenen Briefen an ihre Verwandten in ganz Europa nachzulesen. Im Falle Freiburg war man einfach der Meinung, die Reparationszahlungen für die Einmischung der Franzosen in den dreissigjährigen Krieg seien mit dem Elsass nicht voll befriedigt. Was man da in Münster unterschrieben hatte ist ja nur Papier! Vauban liess in Freiburg ganze Viertel abreissen, um es zu befestigen. Die Haus- und Landeigentümer gingen leer aus, sie wurden einfach enteignet. Was kümmert die Eroberer die Sorgen der Eroberten?

Wenn man die Altstadt Strassburgs durchstreift, kann man nicht anders, man kommt immer wieder irgendwie beim Münster heraus. Ein Münster ist eine ewige Baustelle, das hat man schon in Köln gesehen. Immer gibt es reihum irgendetwas zu reparieren. So auch hier. Eine Tafel am Baugerüst über den Werdegang des Münsters vom rein romanischen Bau bis zur Gotik finde ich interessant.

Werdegang Strassburger Münster

Werdegang Strassburger Münster

Gerade gegenüber ist auch die Touristinfo und ich kaufe mir zuerst einmal Stadtplan und Touristenbroschüre. Die Münsterplattform ist kleiner als die in Köln, aber gleicher Trubel. Im Trubel patroullieren Soldaten, ausgerüstet mit schussicheren Westen und die Schusswaffe im Anschlag. Weil die Plattform so klein ist, bekommt man die Fassade mit dem Turm gar nicht aufs Bild. Ausser man geht weit in eine Seitenstrasse, um den Abstand zu vergrössern. Unglaublich, wie filigran und trotzdem üppig die Steine behauen sind. Und wie gut die Figuren erhalten sind.

Strassburger Münster

Strassburger Münster

In der Touristeninfo lese ich, dass dies überwiegend Kopien sind, die Originale sind in der französischen Revolution von den Fanatikern, die auch in den Klöstern gewütet haben, zerstört worden. Wenn man sehen will, was die Bilderstürmer in ihrem Fanatismus angerichtet haben, muss man nach Saintes im Bordeaux gehen, einer mit Geschichte überströmenden Stadt, die aber offenbar nicht so vermögend ist wie Strassburg und die Kathedrale nicht wiederherrichten konnte. Wie idiotisch indoktrinierte und fanatisierte Menschen sein können, sieht man an der folgenden Geschichte:

Am Strassburger Münster wurde ja nur der linke Turm fertiggestellt, der rechte steht als Stumpf da.

Münster mit einer Turmspitze

Münster mit einer Turmspitze

Die Revolutionäre forderten damals in vollem Ernst, dass die linke Turmspitze abgetragen würde bis auf die gleiche Stumpfhöhe des rechten Turms. Denn diese Ungleichheit der Türme widerspräche dem Begriff “Egalité” im Kampfruf der Revolution “Liberté, Fraternité, Egalité”. Die Elsässer haben dieses primitive Pack glücklicherweise zum Teufel gejagt, sonst hätte das Münster nun zwei Turmstümpfe wie in Malaga.

Am Münster wurde über 400 Jahre lang gebaut. Das sind einige Generationen Baumeister, die dort gewirkt haben, unter anderem auch der Dombaumeister des Ulmer Münsters an der Fassade, was eine gewisse Ähnlichkeit erklärt. Ganze Generationen dieser Zeit haben das Münster nie in der Form gesehen, wie wir es heute sehen dürfen. Dass die Fensterrosette fast 14 m Durchmesser hat, kann man fast nicht glauben. Über der Rosette stehen in einer Reihe die 12 Apostel.

Strassburg Apostel über Rosette

Strassburg Apostel über Rosette

Es gibt drei Tore, durch das linke wird die schlangenstehende Menge hineingeschleust, durch das rechte kommt sie wieder heraus. Bemerkenswert im rechten Portal die Gegenüberstellung der “klugen” und der “törichten Jungfrauen”, die eitlen Begierden nachgehen, wie sich im Spiegel bewundern oder sich an einem wertvollen Gegenstand ergötzen.

Die Törichten Jungfrauen

Die Törichten Jungfrauen

Man kann, wie schon erwähnt, nicht einfach so ins Münster spazieren, man muss sich anstellen, so gross ist der Andrang. Es geht aber flott vorwärts, zwei Polizisten versperren den Weg. Sie bitten, den Rucksack zur Kontrolle zu öffnen und dann ist man drin. In einem beeindruckenden Langhaus von über 100 m Länge und über 40 m Höhe mit wunderschönen, sogar übereinander angeordneten Glasmalereien befindet sich, fast wie an einen Pfeiler angeklebt, eine Orgel. Sie wird drum Schwalbennest-Orgel genannt.

Schwalbennest-Orgel

Schwalbennest-Orgel

Auf dem Weg ins südliche Querhaus kommt man an einer Kanzel vorbei, die so fein ziseliert ist, dass es schwer fällt zu glauben, dass sie aus Stein besteht. Leider ist das Bild nichts geworden, es war zu dunkel und blitzen ist untersagt. Im südlichen Querhaus steht ein sogenannter Engelspfeiler, der ebenfalls unglaublich fein und zerbrechlich scheint. Im hinteren Eck lehnt ein Mann an einem Pfeiler. Er lehnt dort schon seit mehr als 400 Jahren, weil er damals sagte, er bleibe hier solange stehen, bis der Pfeiler in sich zusammenstürze.

Engelspfeiler

Engelspfeiler

Ebrenfalls im rechten Querhaus befindet sich eine astronomische Uhr, um 1574 hergestellt von Issac und Josias Habrecht. Ungefähr dreihundert Jahre später, in der französischen Ära, überarbeitet der geniale J.-B. Schwilgué die Mechanik resp. entwickelte sie während ca. 7 Jahren praktisch neu. Sie ist so ausgeklügelt, dass sie weltberühmt wurde. Sämtliche Bewegungen der Erde, des Monds und einiger Planeten sind abgebildet und um 12.30 Uhr bewegen sich animierte Figuren der christlichen Geschichte.

Astronomische Uhr

Astronomische Uhr

Auf die Plattform ganz oben zwischen den zwei Türmen sind es fast 350 Stufen, einen Aufzug gibt es nicht. Also los, das schaffe ich. Es ist einfacher als ich dachte, denn anders als in vielen

Ich war auch hier

Ich war auch hier

mittelalterlichen Gebäuden sind die Stufen gleichmässig, sodass es kein Stolpern gibt. Der Aufstieg geht über eine Wendeltreppe am rechten Turm hoch, oben überquert man die Plattform auf 66 m Höhe und geht auf der Wendeltreppe des linken Turms wieder nach unten. Schon um 1667 haben sich Touristen hier verewigt. Oder war es ein Steinmetz, der hier beschäftigt war?

Von der Plattform hat man eine weite Sicht über Strassburg und das Elsass und bei klarer Sicht bis zum Schwarzwald. Von hier oben lässt sich der neue Bischofssitz, der später nach französischem Geschmack an der gleichen Stelle des mittelalterlichen Bischofssitzes erbaut wurde, besser photographieren.

Späterer Bischofssitz

Späterer Bischofssitz

Ich wähle ein Strassencafé gerade gegenüber des Münsters und erkunde die reiche Fassade. Auch zwei Cafés reichen nicht, um alle die Bilder zu erkunden, die dort oben gezeigt werden. Über dem Hauptportal befindet sich ein Tympanon, in dem die Passion Christi gezeigt wird. Links siegen die Tugenden über das Laster. Aus meiner Erfahrung eher ein Wunschtraum, denn die Geschichte zeigt, dass das Gemeine und Unehrenhafte fast immer über Ethik und Anstand siegt.

Beeindruckend sind die vielen Fachwerkhäuser der Altstadt, die, dem damaligen Reichtum der Bürger entsprechend, überreich verziert und geschnitzt sind. Das folgende Haus z.B., das direkt an dem Münsterplatz steht, wurde ca. 1450 von einem Käsehändler erbaut. Es besteht aus einem steinernen Erdgeschoss mit grossen Arkaden, in dem sich der Verkaufsraum befand. Der reich geschnitzte Fachwerkbau wurde ca. 1570 auf das steinerne Erdgeschoss aufgesetzt. Heute heisst das Haus Kammerzellbaus, weil es zuletzt einem reichen Kolonialwarenhändler namens Kammerzell gehörte. In den ehemaligen Verkaufsräumen befindet sich nun ein Restaurant.

Kammerzellhaus

Kammerzellhaus

Welch Glück hatte doch Strassburg, dass es von der Zerstörung durch Bomben verschont blieb.

Man kann stundenlang durch die Gassen streifen, man entdeckt immer etwas Neues. Ich gehe auf den Ufern des Ill entlang und lande in einem pittoresken Viertel Petite France. Es war im Mittelalter das Arbeiterviertel. Dort arbeiteten Fischer, Gerber, Färber, Müller und ähnliche Berufe. Die Häuser stammen fast alle aus dem 14. bis 16. Jahrhundert und sind heute neben dem Münster die meistbestaunten Sehenswürdigkeiten. Die Ruhe ausstrahlenden Häuser am lebhaft fliessenden Wasser verbreiten eine ganz besondere Atmosphäre.

Gerber- und Färberviertel

Gerber- und Färberviertel

Und hier streikt mein zweiter Akku, den ersten hatte ich schon vor zwei Stunden leer geknipst. Für Strassburg sollte man sich mindestens zwei, wenn nicht drei Tage Zeit nehmen und genügend Akkus mitnehmen. Wenn ich keinen Termin hätte, würde ich noch mindestens einen Tag bleiben. Aber ich komme sicher wieder und wenn es auch nur zum Dahinschlendern ist und nicht zum den Sehenswürdigkeiten nachspüren.

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