Orientierung in Mumbai, eine Herausforderung.


Erste Aktivität: Orientierungshilfe beschaffen

Am Tag nach meiner Ankunft bemühen sich meine Gastgeber, mir die Orientierung im Mumbai näher zu bringen. Die Züge und Busse sind in für mich unlesbarem Devanagri bezeichnet, irgendwelche Streckenpläne gibt es nicht. Taxis und Rikschas haben zwar Meter, aber sie könnten versuchen, einen orientierungslosen Touristen übers Ohr zu hauen. Wie sich also orientieren? Sie empfehlen mir Uber. Mit der Uber-App auf dem Handy kann man die gewünschte Fahrt eingeben, worauf der Preis angezeigt wird. Die Uberfahrer dürfen nicht mehr verlangen. Nach meiner Erfahrung tun sie dies auch nicht und erwarten auch kein Trinkgeld. Also ein Duo-Werkzeug: Taxibestellung und Orientierungshilfe.

Orientierung über Uber

Orientierung über Uber

Auf dem Bild handelt es sich um eine Strecke von ca. 26 km durch dichtesten Verkehr und kostet 281,01 Rupien, was ungefähr vier Euronen entspricht.

Zweite Aktivität: indische SIM-Karte kaufen. Ohne die keine Orientierung.

Gut, aber mit meiner deutschen SIM-Karte wird das wohl sehr teuer. Also kaufen wir im nächsten Handy-Shop eine indische SIM-Karte. Der Weg dahin ist für mich sehr verwirrend. Die Strassen sehen alle gleich aus und es ist ein Gassengewirr, alles geht keuz und quer und nicht rechtwinklig, sondern in allen möglichen Winkeln kreuzen sich die Strassen. Es gibt erstaunlich viele Bäume und manche Querstrassen sind erst erkennbar, wenn man direkt davor steht. Wo gibt es da Orientierungshilfen?

Nebenstrasse

Nebenstrasse

Noch eine Nebenstrasse

Noch eine Nebenstrasse

Seitenstrasse

Seitenstrasse

 

 

 

 

 

 

 

Auf dem dritten Bild zweigt links zwischen Schuhladen und Sonnenschirm eine schmale Seitenstrasse ab.  Ich bin glatt daran vorbeigelaufen, ich habe sie in dem Standgewirr nicht bemerkt.

Erste Eindrücke: es wird irgfendwo geschlafen, wenn man müde ist

Auf dem Weg zum Handy-Shop fallen mir einige Eigentümlichkeiten auf: man findet hier und da Schläfer, sei es der Rikschafahrer, der ein Nickerchen macht, sei es der Gemüseverkäufer, der neben seinem Stand liegt oder andere, die sich sonst eine waagrechte Fläche gesucht haben. Alles in aller Öffentlichkeit, niemand stört oder kümmert sich um sie. Geschlafen wird offenbar, wenn man müde ist, egal wie hart der Boden ist oder wie unbequem man liegt.

Schlafen in Rikscha

Schlafen in Rikscha

Schläfer am Boden

Schläfer am Boden

Schläfer auf Brett

Schläfer auf Brett

 

 

 

 

 

 

 

 

Die dichtgedrängten Verkaufsbuden und Stände sehen alle gleich aus

Verwirrend ist auch die Vielzahl von improvisierten Hütten oder Gestellen, an denen Waren oder Dienstleistungen angeboten werden. Ob jetzt Schlüsselservice, Wasserverkäufer, Teeküche, Frisör, Obst und Gemüse, Blumen, alles wird am Strassenrand oder auf dem Bürgersteig verkauft. Einkaufszentren mit Parkplätzen für Tausende Autos davor wie bei uns habe ich keine gesehen.

Blumenladen

Blumenladen

Teeküche

Teeküche

Wasserverkäufer

Wasserverkäufer

Schlüsselservice

Schlüsselservice

Schuhmacher

Schuhmacher

Schuhladen

Schuhladen

Dabei sind die Hütten primitivst aufgebaut. Der Friseur hat die Besitzlosigkeit auf die Spitze getrieben. Er sitzt unter einem Baum, an dem er eine blaue Plastikplane angebracht hat, die vorne von zwei Stangen hochgehalten wird. Hier bietet er seine Dienste an und sie werden gerne genutzt.

Friseur

Friseur

Meine Gastgeber haben offenbar Erfahrung mit früheren Gästen, die die Orientierung verloren haben. Sie sind sehr bemüht, in der Uber-App meinen Heimatort einzustellen, sodass ich wieder zurückfinde. Denn sich auf der Strasse durchfragen bringt nichts: es braucht schon seine Zeit, bis man mal jemand findet, der englisch versteht und wenn, dann kennen sich die wenigsten örtlich aus. Für uns ist das schon erstaunlich, wir denken in Strassennamen und Hausnummern. Das ist dem Inder fremd. Die Inder kennen keine Hausnummern und an Strassennamen sind ihnen nur die wichtigeren ein Begriff. Die Strassennamen an einer Strassenkreuzung suchen bringt auch nichts, denn es gibt kaum Strassenschilder.

Problem der Uber-App: wie heisst der Zielort?

Das Problem bei der Uber-App: man kann zwar “Zuhause” fix einstellen und das dann als Abholort angeben, aber dann will die App einen Zielort. Wie gesagt: Der Inder denkt in Gebäudenamen oder sogar -bildern, nicht in Strassennamen und Hausnummern. Wie die Adresse eines Reisebüros zum Beispiel lautet, kannst du nochmal hier nachlesen. Einen Stadtplan zur Orientierung sollte man haben. Auf in die nächste Buchhandlung. Es gibt mehrere. Das ist die nächste Eigentümlichkeit, die ich auch in den arabischen Ländern gefunden habe: Läden der gleichen Art siedeln sich nebeneinander an. Sie koexistieren offenbar friedlich. Aber alle mit der Ladentheke voll auf dem Bürgersteig mit dem Lager weiter hinten.

Buchläden

Buchläden

“Stadtplan? Nein, sowas haben wir nicht. Wohin wollen Sie?” werde ich gefragt. “Ich weiss noch nicht, ich möchte einfach einen Stadtplan, um mich unterwegs zu orientieren.” “Nach einem Stadtplan hat mich noch nie jemand gefragt, die Leute benutzen alle Google Maps.”

Schön und gut. Aber die Übersicht eines ordentlichen Stadtplans bietet Google Maps halt beim besten Willen nicht. Vielleicht können mir meine Gastgeber einen leihen oder sie wissen, wo ich mir einen besorgen kann.

Elend auf der Strasse und im Bahnhof

Auf dem Rückweg, den ich dank der der Einstellung “Zuhause” in der Uber-App auch tatsächlich finde, komme ich an einer “Abfallsortierstation” vorbei. Hier bringen Leute ihren Papier-, Plastik- und ähnlichen Müll in grossen Säcken hin und zwei alte Frauen sitzen direkt im Strassendreck und durchsuchen jeden Sack, ob sie noch etwas brauchbares für sich finden können. Später sehe ich eine Frau, die mitten im Bahnhof unbehelligt auf den Schienen, die nicht etwa leer stehen, sondern von Zügen befahren werden, nach Plastikflaschen sucht. Bei uns würde es einen kollektiven Aufschrei des Entsetzens geben, wenn jemand im Bahnhof auf den Schienen laufen würde. Hier wird die Frau von niemandem beachtet. Wie elend muss es diesen Leuten gehen und wie teilnamslos sind die Umstehenden.

Abfallsortierung

Abfallsortierung

Frau sucht Plastik

Frau sucht Plastik

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich kehre ziemlich niedergeschlagen zurück und erzähle meinen Gastgebern von meinen Erlebnissen. Die Teilnamslosigkeit erklärt man mir mit: es gibt zu viele. Einen Stadtplan haben sie auch nicht und eine ordentliche Buchhandlung, wie wir das gewohnt sind, wird man in Mumbai kaum finden. Man kann nur von Laden zu Laden laufen in der Hoffnung, etwas Geeignetes zu finden.

Mir wird klar, dass diese Strassenstände offenbar ein wichtiger Teil der indischen Wirtschaft sind und dass kein Gemüsehändler, kein Schuh- oder Buchladen eine Registrierkasse hat. Alles geht bar von Hand zu Hand. Wie will da der Staat Steuern einnehmen?

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