Viele Religionen und Sekten in Indien


Zu viele Religionen resp. Glaubensrichtungen

Ich habe einige Leute gefragt, wieviele Religionen oder Glaubensrichtungen es in Indien gibt. Keiner wusste es, die Antwort, die ich immer wieder bekam, war: viel zu viele.

Mit der Zeit erfahre ich, dass meine Gastgeber in Mumbai dem Jainismus angehören. Ich hatte mich schon mit Buddhismus und mit Hinduismus beschäftigt, aber von Jainismus noch nie gehört. Also begann ich etwas nachzuforschen.

Warum ich von einer Religion wie dem Jainismus noch nie gehört habe wird klar, als ich lese, dass es nur ca. 4,4 Millionen Gläubige gibt, wovon 4,2 Millionen in Indien leben. Die Religionsgründer sollen im 7. und 6. Jahrhundert vor Christus gelebt haben. Der Jainismus geht jedoch aus dem Hinduismus hervor.  

Es gibt, wie in allen Religionen eine heilige Schrift (das Kalpa-Sutra) und Pilgerorte wie der Berg Parasnath mit 24 Tempeln darauf oder der Shatrujaya Hill mit fast 1000 Tempeln.

Jain-Relgion-Tempel

Jain-Religion-Tempel

Das Hakenkreuz taucht nicht nur an diesem Jaintempel, sondern praktisch überall im Hinduismus auf. Es ist ein Symbol für Glück und Zufriedenheit. Die ältesten Hakenkreuze hat man in Asien gefunden, sie wurden vor mehr als 10’000 Jahren vor Christus in Stein gemeisselt. Hier wurde das Glückssymbol in eine Balkonbrüstung gegossen.

Hakenkreuze

Hakenkreuze

Der Jainismus scheint eine sehr rigorose Religion zu sein. In ihrer Vorstellung wechseln sich Perioden, in denen sich menschliche Tugenden und spirituelle Fähigkeiten entwickeln und Perioden des Niedergangs ab. Daneben wird die urspüngliche Reinheit und Allwissenheit der Seele durch das Leben getrübt. Das Ziel ist es, diese Reinheit und Allwissenheit der Seele durch Einhalten gewisser Regeln wieder zu erlangen. Bis dieses Ziel erreicht ist, verbleibt man im Kreislauf des Todes und der Wiedergeburt.

Die Regeln dieser Religion sind:

Kein Töten oder Verletzen von Lebewesen

Nur Wahrheit sprechen

Nicht stehlen

keine unkeuschen Beziehungen eingehen

nur lebensnotwendige Güter besitzen

Zwischenbemerkung: Im letzten Punkt sind wir ganzjährigen Wohnmobilbewohner ja ganz auf der Linie des Jainismus :).

Die Jainas (nicht nur die, sonder alle Hindus) essen also kein Fleisch, weil dafür ja ein Tier getötet werden müsste. Pflanzliche Nahrung nur, solange die Pflanzen nur im unvermeidbaren Ausmass geschädigt werden. Die Regeln haben auch Einfluss auf die Berufe, die ausgeübt werden. So darf ein Jaina nicht in der Landwirtschaft arbeiten, weil während der Bodenbearbeitung ja Lebewesen geschädigt werden könnten.

Jetzt wird mir auch klar, warum bei India Airlines immer gefragt wird, ob Fleisch oder vegan. Und warum ich hier mehr “Vegan Restaurants” sehe als andere.

Die Jainas leben hauptsächlich im Süden Indiens. Hier um die Ecke gibt es auch einen Jain Tempel, ganz versteckt in einem Hof hinter einem Wohnblock. Ich habe ihn erst entdeckt, als mir Leute aufielen, die in einer Art Mönchs-Kleidung in dem Tor zum Hof verschwanden und ich der Sache nachging.

Jainanhänger

Jainanhänger

Man hat mir später erklärt, dass diese Leute nach Hause gehen, ihre Alltagskleidung gegen die Mönchskleidung austauschen, dann zum Tempel gehen, um ihrer Religion zu frönen und zu beten.

Jaintempel

Jaintempel

Danach gehen sie wieder nach Hause, kleiden sich um und kehren in den Alltag zurück.

Es gibt bei den indischen Religionen keinen allmächtigen Gott

Ich bin verblüfft über die hohe Religiosität in Indien. Wie sehr diese Leute noch an ihre verschiedenen Lehren und Götter glauben. Hier sind es offenbar auch nicht Lehren, in der ein allwissender und ein allmächtiger Gott existiert, es handelt sich eher um geistig-ideelle Ideengebilde. Trotzdem sind es Religionen. Verwirrend ist, dass es auf der Basis des Hinduismus drei verschiedene Hauptrichtungen gibt, die sich jede wieder in viele Unterrichtungen gliedert. Vom Glauben an einen einzigen Gott bis zum Glauben an mehrere Götter ist alles verbreitet. Dabei werden Götter eher als göttliche Wesen im Sinne der Griechen oder Römer gesehen. Sie wurden also irgendwann mal geboren, können auch gefehlt und dafür bestraft worden sein usw. 

Ich stelle jetzt auch eine Vermutung an: ich habe noch nie so viele Menschen gesehen, die so dürr sind und so dünne Beine haben, wie hier in Indien. Beileibe nicht alle, es gibt viele gut ernährte und einige wenige richtig Dicke wie überall. Aber die dünnen Beine, nur der Schienbeinknochen mit so geringer Muskelmasse, die habe ich sonst nirgends gesehen. 

Dünne Beine

Dünne Beine

Ist die Ursache für diese dünnen Beine und dürren Gestalten Mangelernährung aus religösen Gründen? Der menschliche Körper kann ja Kohlehydrate aus Fett und Fett aus Kohlehydraten synthetisieren, also einen Mangel einer der beiden Substanzen in gewissem Rahmen ausgleichen. Proteine allerdings kann er nicht aus etwas anderem synthetisieren. Er braucht tierische oder pflanzliche Proteine aus der Nahrung, um es in körpereigene Proteine umzubilden. Proteine aber sind notwendig zur Muskelbildung. Pflanzliche Proteine sind vor allem in Soja, Bohnen usw. enthalten. Es kann also funktionieren mit der rein pflanzlichen Ernährung. Ob die Leute allerdings genügend Wissen über die Ernährungswissenschaft haben, um richtig zu handeln, wage ich, nach allem, was ich hier gesehen habe, zu bezweifeln.

Ein erschreckender Gedanke, dass die Leute aus lauter Religiosität und Glaubenseifer eine der Regeln ihrer Religion verletzen, nämlich indem sie sich selbst schaden.

Ist Religion von Übel?

Religion ist ja schon für sich eine eigentümliche Sache: man glaubt an etwas, das nicht bewiesen ist.

In den drei monotheistischen Religionen ist das der unbewiesene Glaube an einen allmächtigen Gott, im Buddhismus sind für mich die Regeln noch am besten nachvollzieh- und begründbar, im indischen Bereich ist das der unbewiesene Glaube an den Kreislauf von Tod und Wiedergeburt und es gibt sicher noch weitere Glaubensrichtungen, die ich nicht kennengelernt habe. 

Hier lebt die Überzeugung der griechischen Philosophen, man könne die Welt durch heftiges Nachdenken und Philosophieren erforschen und erkennen, weiter. Die griechischen Philosophen, die Begründer unserer Kultur, haben nie daran gedacht, ihre Gedankengebäude zu beweisen. Das wäre ja auch zu profan und hätte den gedanklichen Spielraum viel zu sehr eingeengt. (Das war jetzt sarkastisch gemeint). Die allgemein akzeptierte Weisheit im Griechenland vor Christus war, dass die Welt aus Luft, Erde, Feuer und Wasser gebildet sei. Nur eine kleine Minderheit hing der Lehre an, dass die Welt aus vielen Unteilbaren, die sie Atome nannten, bestehen müsse. Dass die Atome nicht unteilbar sind, sondern aus Protonen, Neutronen und Elektronen und noch kleineren Teilchen wie Quarks, die einen Rechtsspin und einen Linksspin haben, um zu dieser Erkenntnis zu kommen, hat die Menschheit mehr als 2000 Jahre nach der ersten Idee des Atoms warten müssen. 

Auch ist vor allem in der westlichen Welt der Gedanke, dass ein Denkgebäude sofort in sich zusammenfällt, wenn eine mit seiner Hilfe errechnete Vorhersage sich als falsch herausstellt, erst Ende des Mittelalters aufgenommen worden. Eine Theorie bleibt seither nur eine Theorie, bis sie endgültig bewiesen ist. Dies war der Beginn wissenschaftlichen Denkens. Und seither nimmt die Zahl der Gläubigen ab.

Ist also der Grad der Gläubigkeit der umgekehrte Massstab für die Bildung der Menschen? Ich sehe hier an jeder Ecke irgendwelche Tempel oder Altare. Nicht selten ist an einem Baum vor einer Bude der Altar des Budenbetreibers aufgehängt, an dem er seine Gottheit verehrt.

Schrein

Schrein

Auf dem Boot, mit dem ich eine Hafenrundfahrt unternahm, hängt ein Altar. Jeden Morgen betet der Bootsführer davor, dass der Tag doch heute ein guter Tag werde. Wenn er nicht daran glauben würde, dass es etwas nützt, würde er es dann auch noch tun? Und welche Ursache sieht er, wenn es ein schlechter Tag wird?

Ein Minitempel, der gut besucht wird.

Morgens zwischen 06:30 und 07:00 Uhr klingelt dort, wo ich wohne, ein Bimmelglöckchen. Es handelt sich auch um einen Tempel, der von irgend jemandem durch Wegschieben eines Scherengitters geöffnet wird und ich sehe immer wieder einzelne Leute davor stehen und beten.

Tempel von oben

Tempel von oben

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von unten sieht er dann so aus:

Betende am Schrein

Betende am Schrein

Die Leute streifen ihre Schuhe ab und treten barfuss vor, falten die Hände, beten, und gehen dann weiter. Das zu jeder Tageszeit bis spät in den Abend. Gemeinsame Gottesdienste wie bei den drei monotheistischen Religionen gibt es nicht. Bei den Moslems werden ja auch die Schuhe ausgezogen, bevor man in die Moschee geht. Ich glaubte immer, das solle verhindern, das weltlicher Staub in die “heiligen Hallen” geschleppt wird. In Indien kamen mir Zweifel auf, denn auf einer Stadtrundfahrt, in der auch einige Tempel angefahren wurden, zogen die Leute bereits im Bus ihre Schuhe aus, liessen sie im Bus liegen und gingen barfuss manchmal durch viele verwinkelte, vor allem aber durch dreckige Gässchen und betraten den Tempel mit diesen dreckigen Füssen. Bedeutet barfuss also eher Ehrfurcht? Oder ist es simple Gedankenlosigkeit der Leute?

Störe niemanden

Mir fällt auch auf, wie zutraulich hier die Tiere sind. Hunde liegen z.B. mitten auf dem Gehweg und schlafen. Niemand kümmert sich um sie, aber auch niemand berührt sie. Die Hunde sind tief eingeschlafen. Sogar mitten im Bahnhof am Ticketschalter mit vier langen Schlangen schläft sichs ungestört. Niemand stört oder stupft ihn.

Schlafender Hund

Schlafender Hund

Das trifft aber nicht nur auf Hunde zu, sondern auf alle Tiere, die ich hier beobachte. Sie haben keine Angst vor Menschen, denn sie werden in Ruhe gelassen. Sogar die schlauen Krähenvögel, die bei uns eine Fluchtdistanz von wenigstens 30 Metern einhalten, lassen mich hier auf fast einen Meter herankommen, bevor sie unruhig werden. Mir fiel an einem Morgen gegen 8.30 Uhr eine Ansammlung dieser Vögel an einer Stelle auf und es wurden immer mehr. Als ob sie auf etwas warteten. Gegen 9:00 lüftete sich das Geheimnis: einer der Budenbesitzer machte seinen Laden auf und warf als erstes Vogelfutter auf den Platz neben ihm. Diese Religionen in Indien töten oder verletzen also nicht nur, sie necken oder stören auch nicht.

Krähen

Krähen

Krähen

Krähen

Die heiligen Kühe Indiens

Die meisten Sehenswürdigkeiten Mumbais liegen im südlichen Teil von Mumbai. Die Mitte Mumbais ist mit dem Süden durch eine Schnellstrasse verbunden, auf der schon mal 60 oder 80 km/h gefahren wird. Ich sehe bei einer Taxifahrt eine Kuh unbehelligt diese Strasse überqueren, jeder bremst ab oder fährt um sie herum. Der Taxifahrer erklärt mir, dass die Kuh ihren Ruheplatz auf der einen Seite der Strasse habe, aber auf der anderen Seite der Strasse befinde sich der Gemüsemarkt. Dort gehe sie jeden Tag hin weil sie dort gefüttert werde und kehre dann zum Widerkäuen und Ausruhen wieder zurück.

Überhaupt Kühe in Indien: sie sind ein Geschäftsmodell. Man beschafft sich eine oder mehrere Kühe (die ja verehrt werden als Muttersymbol), schlägt an einer Strassenecke seine Bleibe auf und wartet, dass die Leute Futter bringen. Nicht alle Passanten aber haben Futter, als Ersatz geben sie Geld, damit der Besitzer/die Besitzerin Futter davon kaufe. Das reicht, dass beide davon leben können, Kuh und Besitzer resp. Besitzerin. Oder man macht es etwas professioneller: man formt Kugeln aus mehr oder weniger proteinhaltigem Material. Die Gläubigen kaufen es dem Kuhbesitzer oder der Kuhbesitzerin ab und füttern damit die Kühe.

Die Kehrseite der Medaille ist, dass es in Indien kaum gelingen wird, eine Mahlzeit mit einem saftigen Steak aufzutreiben.

Kühe werden gefüttert

Kühe werden gefüttert

Welch andere Gedankenwelt! Gedanken, die vor mehr als 2500 Jahren und mehr ihren Ursprung haben und noch immer das Leben von Millionen beeinflussen. Welche Eindrücke, die Pauschaltouristen, die von einem touristischen Highlight zum anderen gejagt werden, gar nicht erleben! Dabei regen sie so zum Nachdenken an.

Ich weiss immer noch nicht, was ich aus den Beobachtungen der Tierliebe machen soll. Denn ich sah einen Motor-Rikschafahrer, wie er sich abmühte, seinen Motor zum Laufen zu bringen. Er schob sein Vehikel mehrere Male an, sprang dann auf und liess die Kupplung schnappen. Aber der Schwung, den er alleine erzeugen konnte, war zu gering. Ich schob ihn an und dann ging es. Er machte eine dankende Handbewegung und brauste davon. Um mich befanden sich zahlreiche junge Leute, die ihm zugeschaut hatten. Niemand von ihnen hatte geholfen. Ist es Gedankenlosigkeit oder aber Teilnahmslosigkeit? Dazu passt wieder die Tierliebe nicht. Die indische Seele bleibt mir ein Rätsel.

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