Beobachtungen in Mumbai – eine interessante Welt


Weitere Beobachtungen und Eindrücke aus Mumbai

Mumbai ist Hauptstadt der Provinz Marahashtra. Sie ist auch die wichtigste Handelsmetropole und Hafenstadt Indiens. Bis 1996 hies die Stadt noch Bombay. Dieser Name ist portugiesischen Urspungs. Sie hatten sich um 1500 hier gewaltsam “einquartiert” und die Bucht einer der damaligen sieben Inseln als “Bom Baia” genannt, eine gute Bucht. Die Engländer, die durch Heirat der portugiesischen Infantin von Breganca Bom Baia als Mitgift erhielten, verballhornten den Namen dann in Bombay. Die Einheimischen aber hatten Bombay immer Mumbai genannt. (Übrigens: die damaligen sieben Inseln gibt es nicht mehr, sie wurden durch Landgewinnung zu einer Halbinsel).

Das weitere Mumbai zählt ca. 20 Mio Einwohner mit einer Bevölkerungsdichte von fast 21’000 Menschen/km2, fast siebenmal mehr als Berlin. Es ist ein unglaubliches Gewimmel untereinander und ein Gedränge und Geschubse, das man sich hier anschauen muss, es ist wirklich erlebenswert:

Gutes Verkehrsnetz in Mumbai

Dabei ist Mumbai mit einem guten öffentlichen Verkehrsnetz ausgerüstet. Die Busse fahren in dichten Einheiten quer durch die Stadt zu allen Destinationen, die Eisenbahnen sind leistungsfähig und pünktlich. Neben Vorortzügen, die wie die Busse schronisch überfüllt sind, gibt es auch unendlich lange Langstreckenzüge mit Schlafwagen.

Wenn die Züge einmal nicht überfüllt sind, machen sie einen soliden und guten Eindruck. Die Wagen sind breiter als unsere, es hat rechts und links Platz für je eine grosszügige Dreisitzerbank, auf der im Gedränge auch vier Personen Platz nehmen. Die Türen allerdings sind während der Fahrt immer offen und die Leute drängeln sich an den Türen, um den begehrten erfrischenden Fahrtwind zu erhaschen. Dabei laufen die leistungsfähigen Ventilatoren ständig auf Hochtouren. Ich glaube, sich zur Türe raushängen und den Rausch der Geschwindigkeit zu spüren ist auch ein wenig Kitzel für die Jüngeren.

Vorortzug

Vorortzug

Trotzdem hinkt die Entwicklung des Verkehrs ständig hinter dem noch stärkeren Wachstum der Bevölkerung her.

Dabei hat die Stadt noch ganz andere Probleme. Von den wichtigen wie Wasserversorgung, Abwasserreinigung, Umweltverschmutzung, Smog, niedrigem Bildungsstand, dem Lärm und gewissen Gewohnheiten der Bevölkerung rede ich gar nicht, die kann man in Wikipedia nachlesen. Dazu kommt, dass mehr als die Hälfte der Einwohner in Slums wohnen ohne Wasseranschluss und Kanalisation. Die Bevölkerung ist gewohnt, alles einfach weg zu werfen. Umweltbewusstsein gibt es nicht.

Es wird z.B. an den Bürgersteigständen viel Tee verkauft in kleinen Plastikbechern. Wenn der Tee ausgedrunken ist, landet der Becher in der Strassenrinne. Ich fuhr in einem Bus an einem Fensterplatz. Mein Sitz-Nachbar kam an mit einem Eis am Stil. Er packte es aus und bedeutete mir, ich solle mich etwas zurücklehnen, dann beugte er sich zum Fenster rüber und die Verpackung wanderte auf die Strasse. Einige Minuten später folgte dann der Holzstil. Ich war zu dieser Zeit noch unerfahren und schaute ihn fassungslos an. Er lächelte mich strahlend an und meinte in kaum verständlichem Englisch, das Eis sei gut gewesen. Entsprechend sieht es dann aber auch aus: Schmutz auf den Strassen und Müllhalden überall. Die Leute scheint das nicht zu stören. Dass diese Müllhalden wahre Keimschleudern sind, ist ihnen vermutlich nicht einmal bewusst.

Müll auf Elephanta

Müll auf Elephanta

Die Regierung bemüht sich, die Bevölkerung umzuerziehen mit Schildern und hat vor etwa sechs Jahren eine weitere Initiative “Clean Up” gestartet.

Nichts auf die Strasse werfen

Nichts auf die Strasse werfen

Clean Up Leute

Clean Up Leute

Die Clean Up Leute verteilen nicht etwa Strafen, sie beobachten die Passanten und sobald jemand etwas wegwirft, heben sie es auf, rennen dem Sünder nach und machen ihn auf sein Vergehen aufmerksam. Die Initiative ist sicher gut gemeint, aber nach sechs Jahren müsste doch eine Veränderung im Verhalten der Öffentlichkeit sichtbar sein? Mir scheinen mehrere Gründe für den mässigen Erfolg zu sprechen: es gibt keine öffentlichen Abfalleimer!!! Und die Clean Up Leute haben keine Befugnis. Die Müllabfuhr und das Reinigungswesen funktionieren nicht. Ich habe ein paar Müllautos gesehen, aber die waren schrottreif und standen statt fuhren. Kehrmaschinen sah ich keine. Sie wären auch nicht einsetzbar bei den maroden Gehsteigen. Aber man merkt trotzdem, dass die Regierung wirklich bemüht ist, das Land vorwärts zu bringen.

Das Leben findet auf der Strasse statt. Nicht nur Erfrischungsstände, die auch Knabberzeug anbieten und alle drei Schritt weit stehen (man könnte den Eindruck bekommen, es gibt mehr Erfrischungs-, Klamotten- und Schuhläden als potentielle Kunden) findet man auch, allerdings etwas weniger häufig, Schreibwarenläden und sogar ein Übersetzungsbüro. Indien hat nicht nur zu viele unterschiedliche Glaubensgemeinschaften, sondern auch viele Sprachen. In diesem Übersetzungsbüro, das sich auch in einer Bretterbude auf dem Bürgersteig befindet, werden z.B. Übersetzungen in Marathi, Hindi, Gujarathi und Englisch hin und zurück angeboten. Die Übersetzungen werden angefertigt, während der Kunde daneben steht, dann bezahlt er Cash und geht mit seiner Übersetzung frohen Mutes von dannen.

Tausende solcher Läden

Tausende solcher Läden

Büromaterialladen

Büromaterialladen

Übersetzungsbüro

Übersetzungsbüro

Etwas ausserhalb des Zentrums fällt mir auf, dass die Leute den Bürgersteig meiden. Auf der sowieso schon vom Verkehr überfliessenden Strasse laufen sie zwischen den parkierten Autos und der Fahrbahn.

Die Bürgersteige sind einfach nicht benutzbar. Entweder sind sie verstellt durch die schon erwähnten Verkaufsbuden oder Obststände fliegender Händler oder sie sind unpassierbar, weil vor Jahren einmal ein Baum umgestürzt ist und den Bürgersteig mitgerissen hat oder sie sind vermüllt und niemand räumt den Müll weg und und und.

Bürgersteig, Bude und Kühe

Bürgersteig, Bude und Kühe

Bürgersteig umgestürzter Baum

Bürgersteig umgestürzter Baum

Bürgersteig vermüllt

Bürgersteig vermüllt

Ganz besonders haben mir die Kokosnussverkäufer auf den Gehsteigen imponiert, mit welcher Geschicklichkeit sie den Kunden den Weg frei machen zum begehrten Kokoswasser. Dies ausser Wasser in originalverschlossenen Flaschen ist das Einzige, das ich auf der Strasse gekauft habe und es mundet köstlich.

Finger weg von Streetfoodständen. Die Einheimischen sind gegen die Keime immun, wir Europäer ziemlich sicher nicht. Nicht nur, dass diese Stände keinen Wasseranschluss haben, das Wasser zum Kochen steht unter dem Stand in einem Bottich. Herkunft unbekannt. Leitungswasser darf man hier nicht trinken, selbst die Einheimischen filtrieren es zuerst. Auch zum Abwaschen wird an diesen Ständen dieses Wasser benutzt. Klinisch rein ist anders und bei Temperaturen zwischen 26 und 38°C sind die Keime besonders vermehrungsfreudig.

Streetfood, es wird mit den Händen gegessen

Streetfood, es wird mit den Händen gegessen

Gegessen wird wie bei den Arabern mit den Fingern. Man formt ein Fladenbrot zu einem Löffel, schöpft damit das meist halbflüssige Essen und isst das Ganze. Auch im Restaurant wird normalerweise Löffel und Gabel aufgedeckt, kein Messer. Denn die Hindus ernähren sich überwiegend vegetarisch. Es wird alles gekocht. Wie die Vitamine das wohl überstehen? Rohkost, einen frischen, knackigen Salat sollte ein Europäer lieber meiden. Grill, Bratpfanne oder Friteuse habe ich nirgends gesehen. Halt, doch: Pommes Frites habe ich vereinzelt gesehen, also muss es irgendwo Friteusen geben. In der Pizzeria wurde gar nichts aufgedeckt, man esse Pizza von Hand. Freudig fand man schliesslich doch eine Plastikgabel. Mein Taschenmesser steuerte das zweite Instrument bei.

Vegetarier werden hier nicht als eine Randgruppe von Weltverbesserern angesehen. Im Gegenteil, der weitaus überwiegende Teil der Restaurants sind vegetarische Restaurants und propagieren das auch explizit und stolz auf ihren Firmenschildern mit “100% veg” oder “pure veg”. Restaurants, die auch Fleisch anbieten, sind in der Minderzahl und auch dann nur Huhn oder Lamm. Kühe werden ja als Inbegriff der Mutterschaft verehrt, also gibts kein Rindfleisch. Und importiert darf es erst recht nicht werden.

In einem früheren Aufsatz habe ich mich gewundert über die Teilnahmslosigkeit der Leute und gesagt, ich habe Schwierigkeiten, die indische Seele zu verstehen. Ich glaube, ich habe eine Erklärung gefunden. Der Hinduismus glaubt an die Wiedergeburt. Die Qualität des zukünftigen Lebens wird bestimmt durch die Handlungen in früheren und im jetzigen Leben. Die Gesamtheit der Handlungen nennt sich Karma. Während des aktuellen Lebens wird gutes oder schlechtes Karma angehäuft. Mit gutem Karma wird man in ein besseres Leben geboren, mit schlechtem Karma in ein Schlechteres.

Das hat, scheint mir, mehrere Folgen:

  • an der offensichtlichen Ungerechtigkeit auf der Welt darf man nicht etwa einer der vielen Götter verantwortlich machen, sondern jeder hat sein Schicksal selbst in der Hand. Man braucht also mit seinem jeweiligen Gott nicht zu hadern.
  • Jeder ist mit selbst beschäftigt, um ein gutes Karma zu erreichen. Sätze wie “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst” (was zwar ein frommer Wunsch ist, aber immerhin, der Satz besteht im Christentum) oder die Geschichte des barmherzigen Ritters, der seinen Mantel mit dem frierenden Bettler teilt, habe ich im Hinduismus nicht gefunden. Der Hindu ist also eher ich- und auf sich bezogen, was man als Egoismus misinterpretieren könnte.
  • Daraus resultiert die Einstellung: wenn du als Bettler oder als Krüppel wiedergeboren wurdest, dann bist du selbst schuld.

Gute Voraussetzungen für das Entwickeln von Empathie oder auch nur Mitgefühl und Hilfsbereitschaft sind dies wahrlich nicht. Wie doch die religiösen Unterschiede doch den Charakter eines ganzen Volkes oder einer gesamten Glaubensgemeinschaft prägen können!! Widersprüchlich ist das Ganze trotzdem: wenn ich dem anderen helfe, sollte das nicht auch meinem Karma gut tun?

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