Franeker und das unglaubliche Planetarium


Harlingen, Ende der Deichfahrt und Aufbruch nach Franeker

Auf dem Weg nach Harlingen führte nicht immer ein Wirtschaftsweg direkt am Deich entlang, zwischendurch wurde ich auch ins nächste Dorf geleitet. Die Riesenflächen des gewonnenen Landes sind sehr fruchtbar. Der Modder, wie der Schlamm hier heisst und in den man bei Ebbe stellenweise knöchel- bis fast knietief einsinkt, ist voll mit Nährstoffen. Die meist angebaute Pflanze der Landgüter sind weissblühende Kartoffeln. Ein Feld mit rosablühenden Kartoffeln vor dem Dorf Nes kurz vor Wierum fand ich besonders hübsch.

Landgut

Landgut

Kartoffelfeld vor Nes

Kartoffelfeld vor Nes

Ein anderes Dörfchen, das ich auf dem Weg nach Harlingen durchquerte, Oudebildtzijl, lies das erste Mal Hollandgefühle aufkommen. Kanäle, durch Schleusentore schliessbar und Boote vor gemütlichen Häusern, diese Bilder hatte ich mir eigentlich von Holland gemacht und hier wurden sie wahr. Steine sind hier rar, irgendwelche felsige Erhebungen gibt es nicht und der Schlick enthält keine Steine. Also brennt man Ziegel. Die Ziegel werden überall eingesetzt, zum Hausbau, Schleusenbau, Strassenbau. Die Ziegelleger sind wahre Meister ihres Fachs. Kilometerweit reichen die überaus exakt verlegten Ziegelstrassen.

Oude Bildtzijl

Oude Bildtzijl

Boot Oude Bildtzijl

Boot Oude Bildtzijl

 

Landgewinnung in Friesland

In Oudebildtzijl gibt es ein kleines Museum über die Landgewinnung. Dort fand ich eine eindrückliche Darstellung über Friesland vor etwa 600 Jahren. Leeuwarden war ein Hafen, liegt heute mitten im Land. Mit anderen Worten, das ganze Gebiet der Middelzee wurde der See abgerungen. Fast die ganze Strecke, die ich bisher entlang der heutigen Küstenlinie gefahren bin, hätte ich früher segeln müssen.

Landgewinnung

Landgewinnung

Das Dorf Oude Bildtzijl

Das Dorf Oude Bildtzijl

In Harlingen angekommen, sah ich das erste Mal Sandstrand hinter dem Deich. Und der Zugang war sogar gratis. Denn in Ostfriesland bin ich sehr oft an eingezäunten Stränden entlang gefahren, dazwischen Kassenhäuschen. Dort wird tatsächlich Eintrittsgeld für den Strand am Meer verlangt!!

Darum scheint mir der Gratiszugang hier erwähnenswert.

Harlingen

Harlingen

Steenmann Harlingen

Steenmann Harlingen

Mitten auf dem Deich steht eine Statue mit einem Januskopf sehr spanischer Art. Die Inschrift besagt, dass 1574 hier der Deich bei einer Strumflut brach und unter der spanischen Besatzung wieder aufgeschüttet wurde.

Gemütliches Holland

Harlingen ist eine Industrie- und Hafenstadt, was man besonders merkt, wenn man wie ich von Nordosten den Deichweg entlang in die Stadt einfährt. Die Altstadt hingegen ist malerisch, wie man das von den holländischen Städten kennt. Die Wasserkanäle durchziehen die Stadt und die Leute machen freudig Gebrauch davon. Sie schippern zu ihrem Vergnügen nicht nur durch die Stadt, sondern auch weit raus ins Land.

Freizeit auf den Kanälen

Freizeit auf den Kanälen

Freizeit auf den Kanälen

Freizeit auf den Kanälen

Das älteste funktionierende Planetarium der Welt in Franeker

Das nächste Ziel etwas ins Landesinnere ist Franeker. Ein kleines Städtchen, das das älteste noch funktionierende Planetarium der Welt hütet. In Harlingen aber wird gebaut, das Navi verzweifelt und führt mich schliesslich weit raus ins flache Land nach Süden und von dort nach Osten. Auf abenteuerlichen Strässchen, teilweise mit max. 2,20 Metern angeschrieben und über mehrere Brückchen, deren Tragfähigkeit ich kritisch begutachte, gelingt es mir trotzdem, Franeker zu erreichen. In der Altstadt, nahe beim Planetarium, finde ich einen Platz direkt an einer Gracht. Vermutlich weil des Regens wegen wenig Leute unterwegs sind. Hoffentlich ist die Mauer der Gracht stabil. An einer Parallelgracht steht abenteuerlich schief ein altes Bäckerhäuschen gebaut 1643. Drin ein kleines Museum über das Dreschen, Malen und Verarbeiten des Korns zu Brot.

Franeker Gracht

Franeker Gracht

Franeker Bäckerhäuschen

Franeker Bäckerhäuschen

Das Franeker Planetarium befindet sich grade gegenüber des Rathauses mit wunderschönem Glockenspiel auf der anderen Seite der Gracht.

Franeker Rathaus

Franeker Rathaus

Franeker Planetarium

Franeker Planetarium

Die Entstehungsgeschichte des Planetariums ist sehr kurios. Die spielte sich in der Zeit der Aufklärung ab, also in der Zeit um ungefähr 1770, als die Deutungshoheit der Welt, die bis dahin ausschliesslich der Kirche vorbehalten war, ihr abgerungen wurde. Siehe auch Diderot. Am 8. Mai 1774 werden mehrere Planeten des Sonnensystems in nahezu einer Reihe stehen und es erschien eine Schrift eines katholischen Pfarrers etwa 10 Jahre vorher, der deshalb das Ende der Welt von der Kanzel predigte. Er löste einige Katastrophen aus wie Selbstmorde, Panikverkäufe und Ähnliches.

In Planeker gab es Eise Eisinga, der schon als junger Mann durch seine mathematische Begabung aufgefallen war. Er hatte nie studiert, aber bildete sich als Autodidakt und übernahm parallel dazu in jungen Jahren das Geschäft seines Vaters als Wollkämmer. Als Aufgeklärter kämpfte er gegen die Predigten des Pfarrers und entschloss sich, ein Planetarium zu bauen, um den Leuten zu erklären, welchen Unsinn sie in der Kirche hörten. 1781 war sein Planetarium fertig. Es funktioniert bis heute völlig exakt, nur das Brett, das die Jahreszahl in einem kleinen Ausschnitt zeigt, musste mehrmals mit den neuen Jahreszahlen ausgewechselt werden.

Das Planetarium ist nicht ein Modernes, das Sterne an eine gewölbte Kuppel projiziert. Es zeigt nur das damals bekannte Sonnensystem mit der Sonne in der Mitte und die sie umkreisenden Planeten in massgetreuem Abstand. Das Ganze ist zweidimensional an der Decke seines Wohnzimmers aufgehängt und wird von einem Uhrwerk und unzähligen “Zahnrädern” angetrieben. Zahnräder in Anführungszeichen, weil die Zahnräder aus Holzscheiben mit eingehauenen Nägeln bestehen. Die Präzision dieser “Zahnräder” ist unglaublich, jeder Nagel sitzt so genau, dass bis heute nur die Schaltjahre korrigiert werden mussten.

Franeker Pendel

Franeker Pendel

Franeker Räderwerk der Planeten über Wohnzimmer

Franeker Räderwerk der Planeten über Wohnzimmer

Inzwischen wurde das Planetarium von Wissenschaftlern verschiedener Universitäten überprüft, die alle die unglaublich exakte Leistung des Autodidakten Eise Eisinga bewunderten und bestätigten. 1841 besucht König Willem II dieses Wohnzimmer, das heute noch orignalgetreu existiert. Man sieht, dass damals im Wohnzimmer auch das Bett eingebaut war. Viel zu kurz nach unseren heutigen Begriffen. Die Leute schliefen um diese Zeit im Halb-Sitzen, sie hatten Angst zu sterben, wenn sie sich langlegten.

Franeker Wohnraum

Franeker Wohnraum

Franeker Wohnzimmerdecke

Franeker Wohnzimmerdecke

Tief beeindruckt von der Gewalt der Intelligenz dieses Mannes in einer Zeit, in der Aberglaube im ungebildeten Teil der Gesellschaft noch gang und gäbe war, verlasse ich das Museum und streife noch etwas durch Franeker. Ein gepflegtes Städtchen mit Grachten, gemütlichen Plätzen und Häusern, die von Reichtum künden. An einem Haus finde ich einen Anschlag, dass hier Otto der Grosse genächtigt hat. Vermutlich um Steuern einzutreiben, denke ich für mich. Das muss ja um das Jahr 950 gewesen sein. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation wurde in dieser Zeit der Ottonen “erfunden”.

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