Albanien, eine positive Überraschung


Albanien, nur wenige Kilometer vor uns

Kurz vor der albanischen Grenze hatte uns der Muezzin in den Schlaf gesungen. In Risan hatte mir ein Einheimischer versichert, dass in Montenegro mehrheitlich Christen leben. Nur im östlichsten Teil, nahe der Grenze zu Albanien, gäbe es eine kleine muslimische Minderheit. Dort hatten wir übernachtet und hoppeln nun auf der nach wie vor holprigen, engen Strasse der noch kapp 10 km entfernten albanischen Grenze zu.

Montenegro kontrolliert für Albanien

Wieder lange Schlange. Aber nicht auf der albanischen, sondern noch auf der montenegrienischen Seite. Montenegro will auch bei derAusfahrt alle Autopapiere und den Pass sehen. Eine Grenzbeamtin läuft die Autoschlange entlang und sammelt die Papiere von jedes Mal ca. 5 Autos ein, bringt sie zurück zum Grenzhäuschen, in dem ein Beamter die Daten in einen PC eintippt. Hoffentlich gibt das kein Durcheinander, denke ich noch. In einer zweiten Kolonne wird offenbar eine andere Methode praktiziert, ohne Eintippen in einen PC.

Grenzbeamtin

Grenzbeamtin

Grenzbeamter

Grenzbeamter

Die Schlange rückt in einem atembraubenden Tempo vor und endlich komme ich an dem Grenzhäuschen an. Prompt reicht mir der Beamte aus seinem Fensterchen zwar meine richtigen Autopapiere, aber einen Personalausweis statt meines Passes. Er lässt mich dann aus dem Häufchen Papiere, die er noch da liegen hat, auf meinen Pass zeigen und fragt mich dann verlegen, ob alles ok sei?

Albanien überrascht mich positiv

Die albanische Grenze liegt hinter eine Kurve, aber niemand ist da. Ich fahre einfach durch. Komisch. Albanien ist kein EU-Beitrittskandidat und macht gar keine Kontrolle? Oder machen die schwarz uniformierten von vorhin die Kontrolle für Albanien? Mit einem mulmigen Gefühl fahre ich langsam weiter, immer in Erwartung, doch noch angehalten zu werden.

Die Strasse erlaubt auch auf dieser Seite auch nicht schneller zu fahren, sie ist gleich holprig und eng wie auf der anderen Seite. Aber nicht lange, denn wir biegen in eine grössere Strasse ein und die ist in recht gutem Zustand.

Ich hatte soviel widersprüchliche Dinge über das Reisen in Albanien gehört und gelesen, dass ich positiv überrascht bin. Die meisten Strassen sind gut zu befahren, manche sogar autobahnähnlich. Geht man etwas abseits, wird es schon etwas holpriger, aber es wird überall gebaut und neue Streckenabschnitte verleiten einen Albaner, uns mit mindestens 180 km/h mit seinem dicken BMW zu überholen. So schnell konnte ich den Photoapparat gar nicht zücken und schon war er hinter der Brücke verschwunden.

Albanien Fier

Albanien Fier

Albanien nach Fier Richtung Vlore

Albanien nach Fier Richtung Vlore

Wir verzichten auf die geplanten albanischen Sehenswürdigkeiten

Marlies hatte mit uns einige Ziele, teilweise recht weitläufig, in Albanien geplant anzusteuern. Sie würde aber schon in einigen Tagen mit der Fähre in Griechenland eintreffen. Also keine Zeit, um den urspünglichen Plan umzusetzen. So änderten wir unsere Route Richtung Vlore, um einige Ruhetage am Meer geniessen zu können. Vlore ist ein Fährhafen nach Brindisi, dort sollte doch ein Plätzchen zu finden sein. Wie haben wir uns getäuscht! Vlore ist sehr schön angelegt, aber die Küste ist bis weit hinter Vlore mit modernen Gebäuden verbaut. Vermutlich alles Ferienwohnungen. Denn sehr bewohnt sahen sie nicht aus. Wer hätte das gedacht in einem Land, das ich als recht wenig entwickelt anschaute.

Ein Platz zum Baden in kristallklarem Wasser

Wir fahren weiter die gewundene und schmaler werdende Strasse Richtung Griechenland. Und richtig, die Bebauung wird weniger dicht. In Orikum, einem kleinen Örtchenca. 30 km weiter, fanden wir dann, was wir suchten. Einen freien Wiesenplatz zwischen Strandrestaurants, in denen unter Schattendächern kaffeetrinkende Einheimische sitzen und uns freundlich begrüssen. Klar können wir hier am Strand stehen, nur etwas essen können wir bei ihnen nicht mehr, die Saison ist zu Ende und die Küche schon demontiert. Aber Bier oder Kaffee können wir haben und sie hätten auch Internet. Ganz Toll. Wir machen es uns gemütlich.

Strand bei Orikum-Rradhime

Strand bei Orikum-Rradhime



Strand bei Orikum-Rradhime

Strand bei Orikum-Rradhime

Unterentwickeltes Albanien?

Die grosse Überraschung brachte aber das Internet. Während in Kroatien und Montenegro der Internetzugang extrem mühsam war, wenn man überhaupt mal eine Verbindung bekam, lief es hier wie zu Hause. Schnelles Internet, keine Unterbrüche, einfach herrlich, wenn man mal alle Fragen, die sich aufgestaut haben, zügig googlen kann. Albania Telekom heisst die Gesellschaft, die mich schon kurz nach Grenze mit einem SMS aufs Handy begrüsst hat.

Wenig Umweltbewusstsein bei den Albanern

Am Abend kommt eine grössere Familiemit Grossmutter und Kindern, lassen sich nicht weit von uns am Stand nieder und beginnen lebhaft diskutierend ein grosses Picknick. Es geht bis spät in die Nacht. Am nächsten Morgen sind sie weg, nur nicht ihr Abfall. Pappteller, Servietten, Plastikflaschen, eine zerrissene Tischdecke, Plastikbesteck, Pappbecher, alles in allem ein ziemlicher Haufen. Das Umweltbewusstsein dieser freundlichen Menschen ist noch sehr unterentwickelt und so sieht es leider auch an vielen Orten in Albanien aus. Die Leute sind sich noch überhaupt keiner Schuld bewusst.

Samstag kommt ein SMS von Marlies, sie treffe Sonntag gegen Mitternach in Igoumenitsa ein. Wir müssen uns sputen, wenn wir sie nicht warten lassen wollen und brechen Sonntag früh auf. Es sind etwa 200 Kilometer, die schaffen wir leicht bis zum Abend. Denken wir. Dazwischen liegt das Pindosgebirge.

Von Null auf tausend Meter in wenigen Kilometern

Die Strasse steigt steil an, sie ist nicht die beste. Stellenweise ist die halbe Fahrbahn den steilen Hang hinuntergebrochen, nur die eine Spur ist och befahrbar. An anderen Stellen ist sie leicht abgesackt. Mit viel Bitumen wurde die Verbindung zwischen den beiden Strassenseiten ausgeglichen, das sieht dann so aus wie in Frankreich die Geschwindigkeitsbegrenzer auf 30 km/h in Dörfern. Dazu kurvenreich mit Spitzkehren und regelmässig 10% Steigung.

Albanien 10% Steigung

Albanien 10% Steigung

Wir sind auf Meereshöhe gestartet und oben zeigt der Höhenmesser 1050 Meter über Meer. Das bedeutet phantastische Ausblicke. Leider geht auf den Photos die dritte Dimension verloren, man spürt nicht die spektakuläre Tiefe der Wiklichkeit. Das linke Photo zeigt tatsächlich in 1050 Metern Tiefe einen kleinen Sandstrand am Ionischen Meer.

Albanien Passhöhe 1050 m

Albanien Passhöhe 1050 m

Albanien Passhöhe 1050 m

Albanien Passhöhe 1050 m

Die Abfahrt auf der anderen Seite ist sehr gut ausgebaut. Es geht auf halber Höhe den Berg entlang, kurvenreich, mal tief nach unten, dann wieder nach oben. Das Gefälle und auch die Steigungen liegen regelmässig bei 10%. Aber die Strasse ist breit und neu und die Haarnadelkurven so weit angelegt, dass ich es schaffe, sie mit dem zweiten statt mit dem ersten Gang zu nehmen. Nur wenn sie Dörfer passiert, wirds eng. Regelmässig rauschen Schilder an uns vorbei mit Ortsnamen, von denen nur wenige in unserer Karte eingezeichnet sind.

Albanien Richtung griechische Grenze

Albanien Richtung griechische Grenze

Albanien Richtung Sarandë

Albanien Richtung Sarandë

Abseitige, aber nicht menschenleere Gegend

Ich frage mich, von was die Menschen in so abgelegenen Gegenden leben. Viel Landwirtschaft ist bei den steilen Lagen kaum möglich. Bleibt eigentlich nur Schaf- und Ziegenzucht? Im Gegensatz zu Kroatien, wo man oft am Strassenrand anhalten und Feigen essen kann, gibt es hier fast keine Nutzbäume.

Es wird flach und wir rollen kurz vor der Grenze an Ali Paschas Castle vorbei. Es sieht allerdings eher aus wie eine Festung. Ali Pascha werden wir später nochmal begegnen.

Albanien Schloss Ali Pascha

Albanien Schloss Ali Pascha

Warten auf Marlies, die Albanien nicht durchfahren durfte

Wir passieren die griechische Grenze und sehen die ersten freistehenden Wohnmobile bei Sagiada. Wir bleiben nicht hier, wir wollen ja zur Fähre. Aber eine kurze Pause für einen Kaffee in einem der guten Fischrestaurants Sagiadas muss sein. Eine auffallend andere Atmosphäre ist hier spürbar. Ich sage zu Hady: willkommen in der Zivilsation, obwohl es doch etwas übertrieben ist. Dann weiter nach Igoumenitsa, um zu erkunden, wo wir dort auf Marlies warten können. Die Fährenausfahrt führt aber direkt auf die Autobahn, wir würden uns verfehlen.

So machen wir uns auf die Suche nach einem schönen Übernachtungsplatz und werden fündig. Ca. 8 km zurück liegt eine sandige Landzunge, rechts und links von Wasser umgeben, bestanden mit Platanen Eukalyptus. Es gibt dort einen Campingplatz, aber wir fahren weiter, wo andere schon stehen. Wunderschöner Sandstrand, ein Sprung ins Wasser nach einem SMS an Marlies, mit den Koordinaten N39° 31′ 08,5″ E20° 11′ 13,8″ und wir geniessen den Abend.

Kurz nach Mitternacht trifft Marlies ein. Wir beschliessen, noch einen Tag hier zu bleiben. Faulenzen, schwimmen, paddeln. Marlies trifft Dörthe A und hat so einen intensiven Gesprächspartner. Am Abend kommt die Polizei und scheucht alle vom Strand. Gestern waren wir doch in Ruhe gelassen worden. Wir diskutieren mit den Beamten, weisen darauf hin, dass es schon dunkel sei und wir Alkohol getrunken haben. Man sieht, dass sie mit sich kämpfen. Schliesslich erlauben sie uns, diese Nacht noch zu bleiben.

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