Messini, die alte Hauptstadt Messeniens


Messini nach einer kurvenreichen Bergfahrt

Wir hatten einige schöne Tage am Sandstrand nahe Zacharo verbracht. Das Wasser kristallklar, weiter draussen eine Sandbank, die man durch Wasser bis zum Hals erreichte und dort dann knöcheltief über das Meer laufen konnte.

Am Platz mehrheitlich Deutsche und es ergab sich, dass reihum jeder etwas kochte und die anderen zum Essen einlud. Alles draussen im Freien bis spät abends, denn es herrschte die ganze Zeit Badehosentemperatur.

Das kann nicht ewig dauern. Für Montag ist schlechtes Wetter angesagt für den ganzen Rest der Woche! Wir brechen auf. Marlies nach Nafplio, sie hat dort einen Termin mit einer Werkstatt, die einen Schaden an ihrer Lenkung beheben wird. Hady und ich wollen die heutzutage sehr einsam liegende, aber ehemalige Hauptstadt Messeniens besuchen, solange es noch nicht regnet. Alt-Messini ist nur ca. 60 Kilometer entfernt, noch ca. 20 km dem Meer entlang nach Süden und dann nach links ins Landesinnere.

Mitten in der Einsamkeit öffnet sich ein Tor

Nach einer ziemlichen Kurbelei durch die sich krümmenden und windenden Strassen der abgeschiedenen Bergwelt erreichen wir unvermittelt eine massive Stadtmauer, geziert durch eine Öffnung in Form einer Rotunde.

Das arkadische Tor in Messini

Das arkadische Tor in Messini

Das arkadische Tor in Messini

Das arkadische Tor in Messini

Das Tor kontrollierte die Hauptstrasse, die vom reichen und fruchtbaren Messenien nordöstlich ins dünnbesiedelte, karge Arkadien, allenfalls Wohnstätten von Hirten, keinesfalls von Bauern, führt. In Messenien weiter im Süd-Westen hingegen zapfen die hohen Nord-Süd-Bergzüge den Regen der Atlantikwinde ab und nähren reichlich die grünen Felder und Wälder.

Wie gross muss Messini gewesen sein

Einen ersten Eindruck von der einstigen Grösse des alten Messini bekommen wir, als wir von dieser Stadtmauer nach knapp einen Kilometer fahren müssen, um das alte Zentrum zu erreichen. Es liegt auf einer abschüssigen Ebene, bogenförmig umringt vom Berg Ithome, auf dessen Gipfel die Fluchtburg der Messenier lag, die Akropolis. Von da oben, immerhin auf etwa 1000 Metern Höhe, soll man einen umwerfenden Rundblick haben. Allerdings fängt es schon an zu regnen, es zieht uns gar nicht da hinauf.

Um das alte Messini ziehen sich nur oberhalb der Ausgrabungsstätte ein paar Häuser bogenförmig den Abhang des Ithome entlang. Ein modernes Messini, nur ein karger Abklatsch vergangener Grösse, liegt etwa 16 km von hier. Man kann sich kaum vorstellen, dass Messini einst eine Hauptstadt und ein Verkehrszentrum war. Es liegt heute am Ende einer Strasse, einsam am Ende der Welt.

Messini

Messini

Einer der mächtigsten Stadtstaaten

Messini war einer der modernsten und mächtigsten Stadtstaaten des Hellenismus. Unterhalb der weitläufigen Ausgrabungsstätte mit den Tempeln, den Märkten, dem Theater und dem Asklepiusheiligtum liegt die Sportanlage, die ebenso immens ist wie der Bereich des prachtvollen öffentlichen und geistigen Lebens weiter oben. Es gehörten neben dem Stadion noch rechter Hand dazu eine Turnhalle, eine Halle für Ringkämpfer, Übungsplätze, Bäder, Bewirtungsräume für prominente Gäste und die Schiedsrichter.

Messini Stadionbereich

Messini Stadionbereich

Messini Ringkampfarena

Messini Ringkampfarena

Messini Badewannen für die Sportler

Messini Badewannen für die Sportler

Der Halbgott Asklepios wird nicht nur in Epidaurus verehrt

In Messini wurde wie in Epidaurus der Heilgott Asklepios verehrt. Ihm zu Ehren wurde ein Tempel errichtet, der Mittelpunkt der Stadt oberhalb des Stadionbereiches. Dieser Tempel wurde nie überbaut, wie es bei vielen antiken Bauwerken, z.B. nach einem Erdbeben, geschah. Man konnte ihn also aus den ausgegrabenen Baugliedern sehr genau rekonstruieren. Im Modell steht er unter einer verregneten Glashülle direkt im Tempelbezirk. Man braucht viel Phantasie, sich aus den traurigen Resten vorzustellen, welche Pracht hier einst geherrscht hat.

Messini Asklepiusheiligtum

Messini Asklepiusheiligtum

Messini Asklepiusheiligtum

Messini Asklepiusheiligtum

Arsinoe war die Mutter des Asklepios

Oberhalb des Asklepiosheiligtums befand sich eine Quelle, die Arsinoequelle. Sie war als Wasserversorung der Stadt in einem prächtigen, mit Säulen umgebenen Quellhaus gefasst und speiste aus mehreren Wasserspeiern zwei grosse Becken. Ausserdem wurde ihr Wasser in einer enormen Zisterne von mehr als 40 m Länge gesammelt. Von Pausanias wissen wir, dass die Arsinoequelle nach Arsinoe, der Mutter des Asklepios, benannt ist. Heute sieht man noch erbarmugswürdige Ansätze des rechten Beckens und ein paar Säulenstümpfe.

Messini Arsinoe Quelle

Messini Arsinoe Quelle

Messini Arsinoe Quelle

Messini Arsinoe Quelle

Geistige Wettstreite waren ebenso wichtig wie sportliche

Natürlich durfte das Theater nicht fehlen, Stätte der geistigen Wettstreite zu Ehren der Götter. Es liegt ganz oben in der Stadt, gibt einen weiten Blick frei auf den Tempelbezirk der Stadt und weit darüber hinaus in die messenische Landschaft bis zum Meer, wenn der Himmel nicht mit Wolken verhangen ist.

Messini Theater

Messini Theater

Ägypten in Messini

Direkt daneben eine Überraschung: ein Tempel zu Ehren der ägytischen Isis und Sarapis. Ein Schlaglicht auf die lebhaften Beziehungen der Mittelmeervölker. Alexander der Grosse hatte ja Alexandrien geründet. In Messini wurde ungefähr im zweiten Jahrhundert vor Christus neben den griechischen Göttern auch begonnen, die Isis zu verehren. Unter ihrem Tempel fand man eine grosse Zisterne in U-Form, 46,5 Meter lang und 35,5 Meter breit. Vermutlich als Ersatz für den Nil, der im Isiskult eine grosse Rolle spielte.

Messini Isis-Tempel

Messini Isis-Tempel

Über zwei grosse Märkte wurde die Bevölkerung versorgt, den allgemeinen Gemüse- und Getreidemarkt und den davon weitläufig separierten kleineren Fleischmarkt. Beide müssen herrliche Gebäude gewesen sein, mit Stoas (Wandelhallen) unter herrlichen Dächern gestützt von dorischen Säulen.

Antike Standardisierung

Messini Osthalle Gemüsemarkt

Messini Osthalle Gemüsemarkt

Messini Fleischmarkt

Messini Fleischmarkt

Ein erstaunliches Detail wurde beim Gemüse- und Kornmarkt gefunden: Eichmass-Tische für Hohlmasse, mit denen die Messbehälter der Getreidehändler überprüft werden konnten. Man fand zwei Tische mit je zwei Hohlräumen mit unten je einem verschliessbaren Ausguss. Der Hohlraum wurde vermutlich mit Getreide gefüllt und dann in das Mass des Händlers abgelassen. Wenn das genau aufgefüllt wurde, war das Mass der Händlers in Ordnung. Und es gibt einen noch erstaunlicheren Fund: eine Eichform für die Standardisierung von Dachziegeln. Sicher waren die nicht gedacht für Einfamilienhäuser, sondern für die Tempelbauten, denn die Länge der Ziegelschablone dürfte ca. 80 cm sein. Wurden die Dachziegel standardisiert hergestellt, waren gleichzeitig die Masse der Bauten vorgegeben. Und solche Ideen hatten die Menschen vor mehr als 2500 Jahren.

Messini Hohlmasskontrolltische

Messini Hohlmasskontrolltische

Messini Standardschablone für Dachziegel

Messini Standardschablone für Dachziegel

Besiedlungszeit bis zu den Römern

Eine Hauptstadt mit prachtvollen Bauten, aber wo sind die Fundamente der Wohnhäuser der normalen Bürger? Es müssen doch mehrere tausen gewesen sein! Ich finde keine. Vermutlich befanden sie sich in der weiteren Umgebung. Das würde die Entfernung von fast einem Kilometer zwischen Stadtmauer und Ausgrabungstätte erklären. Diese steile Umgebung ist jetzt grünes Bauernland, locker bewachsen mit Olivenbämen, immergrünem Gebüsch, Zypressen. Die Spuren intensiven Lebens, sie sind verwischt. Nur eine Ausnahme fand ich ganz am Rande der Ausgrabungsstätte: die Reste einer römischen Villa, Zeugnis dafür, dass Messini auch nach Christi Geburt noch belebt war.

Messini Grundriss römische Villa

Messini Grundriss römische Villa

Messini römische Villa

Messini römische Villa

Nachdenklich verlassen wir Messini, denn neben der hellenischen Geschichte von ungefähr 500 bis zu Christi Geburt stossen wir überall auf Mythen und Sagen aus viel früheren Zeiten, verwirrende Verwandschaftsverhältnisse der Götter und Halbgötter und auf Menschen, die von den Göttern auf den Olymp erhoben wurden.

Auf unserer nächsten Etappe, Mykene, erhoffen wir uns mehr Erkenntnisse über dieses Verwirrspiel, denn die mykenische Kultur entstand etwa 1600 Jahre vor Christus, also etwa 1000 Jahre früher als die Spuren, die wir bis jetzt gesehen hatten, aber doch noch 400 Jahre später als die minoische Kultur auf Kreta, die ihre Blütezeit von ca. 2000 bis 1600 vor Christus hatte.

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